Weihnachten, Bocelli, Bohème - wenn das nicht zusammenpasst, müssen sich die Decca-Produzenten gedacht haben. Inclusive Cover-Weichzeichner und Beiheft-Bekundungen darüber, wie über die Maßen glücklich alle Beteiligten waren ob der Harmonie der Aufnahmesitzungen. Sodann Puccinis Sujet von den am Weihnachtsabend vor Hunger und Frost in ihrer Pariser Mansarde kauernden Künstlern, Bocellis Kommentar zur "musica dei sentimenti" - "voller Gefühle, Leidenschaft und Tränen", und last but not least natürlich der Star selbst, der als blinder Tenor nicht nur, aber vor allem an Weihnachten die Herzen aller älteren Damen und sonstigen Käuferschichten multimedial zu Tränen rührt.
Jetzt aber ist Weihnachten vorbei. Und da zeigt sich: Was die fotografischen Weichzeichner vermögen, das vermag Bocelli noch lange nicht - seiner Stimme Schmelz, Farbnuancen, Piano-Schattierungen zu verleihen. Zugegeben: Präzision und Höhensicherheit, mit der der frisch verliebte Rodolfo sein hohes "Amore"-C intoniert, sind staunenswert, und die Strahlkraft seines Forte allemal. Aber geht es darum, dass dieser ärmliche "Held" Verlegenheit, Scham - menschliche Zwischentöne eben - zeigen soll, da bleibt Bocellis Stimme unverändert hart und starr und droht in der mezza voce abzubröckeln.
Wie sehr "Andrea Bocellis La Bohème" - so der Titel des Einführungstextes - auf äußeren Schein und nicht auf Puccinis Opernrealismus angelegt ist, zeigt auch Barbara Frittoli: Ihrem noblen, in den Tiefen- und Mittelregistern wohlfundierten, in den Höhen etwas angestrengten Sopran nimmt man alle möglichen "herrschaftlichen" Rollen ab, aber eben nicht diese innerlich wie äußerlich zerbrechliche, todkranke Mimi. Auch einige wenige "menschliche" Regungen im letzten Akt lassen nicht vergessen: Frittolis "Schöngesang" bleibt ausdrucksarm.
Zubin Mehta unterlegt das Ganze passend mit einem gefälligen Orchestergewand, das in den Hits schwelgt, statt (auch) einen dramatischen Impuls aufzuspüren. Wem es ein Trost ist (mir nicht): die Nebenrollen sind allesamt vorzüglich besetzt.

Christoph Braun, 25.01.2001



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