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Sergei Prokofjew

Schauspielmusiken zu "Hamlet" und "Boris Godunow"

Marina Domashenko, Victor Sawaley, Yury Swatenko, Marek Kalbus, Arutjun Kotchinian, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Michail Jurowski

Capriccio/Delta Music 670582
(57 Min., 3/2003) 1 CD

Die Platte hätte zu Beginn dieses Prokofjew-Gedenkjahres veröffentlicht werden sollen, bietet sie dem Prokofjew-Neuling doch eine gute musikalische Einführung. Der vor 50 Jahren verstorbene Komponist selbst verstand seine Bühnenmusiken zu "Hamlet" und "Boris Godunow", die hier innerhalb der schon mehrfach Neugier weckenden Capriccio-Reihe der "Schaulspielmusiken der Welt" veröffentlicht werden, nicht als eigenständig-"absolute" Musik, sondern als Hilfsmittel, um den dramatischen Eindruck des Shakespeare‘schen bzw. Puschkin‘schen Theaterstückes zu verstärken. Ausdrücklich richten sie sich, wie er in einem Interview von 1936 betont, an den weniger gebildeten Zuhörer und - das Pendant auf der Ebene der Ausführenden - an untermalende Theaterorchester. Als solches dürften sich die von Michail Jurowski akurat präparierten Berliner Rundfunksinfoniker zwar nicht verstehen; aber "Probleme" dürften sie mit den selten gespielten Partituren nicht gehabt haben.
Gleichwohl - oder vielleicht auch gerade dadurch: die Musik ist, wie Sergei Eisenstein meinte, "erstaunlich plastisch". Apropos: ob man die Werke ebenfalls dem mehr oder minder geschmähten "sozialistischen Realismus" zurechnen soll, unter den man gemeinhin die bekannteren Filmmusiken rubriziert, die Prokofjew ab 1938 für Eisensteins grandiose Leinwand-Epen komponierte, sei dahingestellt.
In jedem Fall wirkt ihre Einfachheit, auch wenn sie mitunter das Plakative streift, nie langweilig. Prototypisch zeigen dies die mal innig, mal hochdramatisch konzipierten Lieder der Ophelia, die Marina Domaschenko mit großer Emphase vorträgt. Bestes - musikalisches - Vergnügen bietet andererseits das von Marek Kalbus sarkastisch untermalte Lied des Totengräbers. Und wenn sich der RIAS-Kammerchor im "Boris Godunow" dann auch noch als makellos intonierende Don Kosaken-Imitation präsentiert, ist die russische Seele wunderbar präsent.

Christoph Braun, 31.01.2004



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