Nie hat Prokofjew den von Stalin diktierten "Sozialistischen Realismus" getreulicher erfüllt als in den beiden Konzert-Kantaten "Iwan der Schreckliche" und "Alexander Newski". Bezeichnenderweise gehen beide auf Filmmusiken für Sergei Eisenstein zurück, "Newski" war ein richtiger Propagandafilm zur Zeit des Dritten Reiches (Russland im 13. Jahrhundert wehrt sich heldenhaft gegen die Aggressoren - damals die Schweden, jetzt die Deutschen, "Ritter des Teutonischen Ordens" allesamt), "Iwan" eigentlich eine opernhafte Lamentatio über die stalinistischen Gräuel!
Ursowjetische Ängste, Wünsche, Albträume und Visionen werden hier effektvoll in Klang umgesetzt, deshalb mutet es ein bisschen seltsam an, wenn - Englisch gesungen wird. Jedenfalls teilt sich der heroische Überlebenskampf des russischen Volkes weniger mit, wenn der Chor "Celebrate and sing, native motherland!" schreit. Bedauerlich, denn rein instrumental hat die Aufnahme keine Konkurrenz (und rein aufnahmetechnisch nur vereinzelte). Die zentrale "Schlacht auf dem Eis" habe ich nie so roh und präzis zugleich gehört, geradezu tödlich folgerichtig dahingaloppierend - Reiner, der Orchester-Dompteur, übertrifft sich selbst an wahrlich eisiger Prägnanz. Aber eben das Englische, das in dem Mezzo-Solo von Rosalind Elias gerade noch funktioniert, entfremdet noch mehr, als es "The Ring of the Nibelungs" täte.
Und die Kopplung zu der gut vierzigminütigen Kantate, Chatschaturians Violinkonzert, passt zwar zeitlich und geografisch zu Prokofjew, ist ansonsten aber Teppichhändlermusik, redselig und banal, jedenfalls meilenweit entfernt von der scharf geschnittenen Newski-Büste. Allerdings erstklassig gespielt von Kogan bei seinem US-Debüt und den letztlich vergeudeten Bostonern unter Monteux!

Thomas Rübenacker, 16.11.2000



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