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Arvo Pärt

Kanon Pokajanen

Estnischer Philharmonischer Kammerchor, Tönu Kaljuste

ECM New Series/Universal 457 834-2
(83 Min., 6/1997) 2 CDs

Arvo Pärts Musik meidet das Expressive ebenso wie das Intellektuelle. Sie ist weder romantisch noch rational. Um sie zu verstehen, muss man sich in eine bestimmte spirituelle Sphäre begeben - es ist nicht unbedingt die Musik selbst, die den Zuhörer in diese Sphäre hinüberzieht. In diesem Sinne gleicht Arvo Pärts neuestes Werk mehr noch als die früheren den russischen Ikonen, hinter deren eigentümlicher Bescheidenheit die Person ihres Schöpfers völlig zurückbleibt.
Das Wort “Kanon” im Titel könnte zu Missverständnissen führen: Es geht hier nicht um einen Kanon im musikalischen, sondern im textlichen Sinne. Es handelt sich bei der Vorlage um ein Bußgebet, ein Teil des Morgengebetes der griechisch-russischen Kirche. Pärt hat sich bei der Vertonung ganz und gar auf den Rhythmus des Textes beschränkt. Der A-cappella-Chor deklamiert in Akkorden mit hartnäckigen Liegetönen, litaneihaft wiederholt und in enge Motivik gezwängt. Hin und wieder erfolgt ein Ansatz in einer neuen Dynamik oder ein Wechsel der Stimmgruppen. In einem kurzen Mittelteil lässt Pärt den Chor einstimmig in kleinschrittiger Melodik und kurzen Phrasen singen - gestützt von einem bordunartigen Liegeton; dann kehrt er in den Tonfall des Anfangs zurück.
Man hat eher den Eindruck, ein akustisches Ritual mitzuerleben, als eine klassische Komposition zu hören, die auch noch unabhängig von ihrem Platz im Gottesdienst überzeugen soll. Zu loben ist freilich die unglaubliche Disziplin des Estnischen Philharmonischen Kammerchors unter Tonu Kaljuste, der innerhalb von Pärts engem Vokabular über neunzig Minuten hinweg die erforderliche mystische Spannung aufrechtzuerhalten vermag. Die Komposition selbst - ein Auftrag anlässlich der 750-Jahr-Feier des Kölner Domes - ist jedoch Ritusmusik und entzieht sich daher der Kritik.

Oliver Buslau, 31.03.1998



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