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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Johann Sebastian Bach

Johannes-Passion

Michael Schade, Matthias Goerne, Juliane Banse, Ingeborg Danz, James Taylor, Andreas Schmidt

Hänssler/Naxos 4 010276 015758
(143 Min., 03/1996) 2 CDs

Sind Bachs Passionen Handlungsdramen oder Leidensmeditationen? Von den verschiedenen Textschichten und musikalischen Formen her betrachtet wohl beides. Rillings vier Jahre alte, nunmehr in der "Edition Bachakademie" veröffentlichte "Johannes-Passion" weist eindeutig in Richtung Drama.
Schon die scharfen Akzentsetzungen, die drängende Ungeduld, der herrische Gestus des Eröffnungschores legen das nahe. Damit hebt Rilling auf bestechende Art das Paradox auf, das Bach dem Interpreten dieses Beginns mitgegeben hat: den "Ruhm unseres Herrschers" in Moll, also im Tongeschlecht des Passionsleidens zu preisen. (Im Schlusschoral erst erscheint dann die Dur-Apotheose). In den zügig und schnörkellos vorgetragenen Chorälen, erst recht in den fulminanten Turba-Chören findet diese mitreißend-herbe Bach-Sicht Rillings ihre Fortsetzung. Selbst im gefühlvollen Schlusschoral der "lieb Engelein" kommt keine keine falsche Sentimentalität auf.
In Michael Schade hat Rilling den passenden Evangelisten zur Seite: vortrefflich klar in der Artikulation, hell und mühelos in der Intonation, ungemein flexibel in der Gestaltung des Evanglientextes. Zwiespältig hingegen ist der Eindruck, den Matthias Goerne mit seinem (allzu?) pathoserfüllten Christus hinterlässt. Ingeborg Danz vereint ebenso wie James Taylor und Andreas Schmidt Ausdrucksintensität mit Koloraturwendigkeit - ein Idealfall für Bachs Arienanforderungen. Demgegenüber setzt Juliane Banse mitunter zuviel Vibrato ein. Analoges gilt leider auch für den Chorsopran - was die fabelhafte Gesamtleistung der Gächinger Kantorei aber kaum schmälert. Nicht zuletzt darf man sich über den Appendix von zwei Chorsätzen und drei Arien freuen, die zeigen, dass Bachs "Johannes-Passion" - hier von Rilling in der Erstversion von 1724 eingespielt - bis zum Tod des Komponisten ein "work in progress" mit verschiedenen Fassungen blieb.

Christoph Braun, 01.12.1999



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