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Franz Liszt

"Bolet Rediscovered" - Waldesrauschen, La campanella, Funérailles u. a.

Jorge Bolet (Klavier)

RCA/BMG 09026 63748 2
(64 Min., 1972, 1973) 1 CD

Es ist ein wenig wie im Märchen. Der Pianist, der am 22. August 1972 ins New Yorker Studio eintrat, hatte längst alle Hoffnung fahrenlassen. Achtundfünfzig war er, und der große Erfolg war ausgeblieben. Als schwer vermittelbar galt er den Managern, ein ewiger Geheimtipp mit eminenten Gaben.
      Jorge Bolet spielte die Stücke seines pianistischen Großvaters - war er doch Schüler des Liszt-Lieblings Emil von Sauer - mit jener Hingabe, die nichts erwartet, keine hysterische Ovation. Ahnte Bolet, was mit dieser Aufnahme geschehen würde? Mit einem Papieretikettchen versehen landete sie im hintersten Archivwinkel, wo sie vergessen wurde. Vor einem knappen Jahr fand man sie zufällig. Doch, vermutlich hat er es geahnt.
      Dies ist eine beeindruckende Wiederentdeckung. Bolets Alterskarriere war ein Triumph der Bühne, während seine späten Decca-Aufnahmen oft etwas ledrig-korrekt wirken, so als habe Bolet seinen gelegentlich explosiven Podiumsstil zurücknehmen und aus der Interpretationsgeschichte streichen wollen. 1972 aber schlug sein Arrauischer Gründlichkeitsfanatismus sein Temperament nicht mit Starrkrampf.
      Gewiss, es bleibt ein beherrschter, herber Liszt-Stil fern aller Gefühlsexaltation. "Funérailles" war selten so sehr als inneres Erlebnis zu hören. Bolet beginnt gegen Text und Konvention pianissimo. Der dröhnende Kondukt bleibt uns lange entrückt, es sind die reflexiven, erinnernden "Lagrimoso"-Episoden, die Bolet unterschwellig zum Glühen bringt. "Un sospiro", oft bloß als banale Arpeggienetüde abgeschnurrt, gerät Bolet geradezu berückend. Klar, metallisch und unfehlbar wogt die Linke, ein kühler Grund, auf dem ihm eine Ahnung von dolce, winzigste Innehalte genügen, um der einfachen Melodie eine geradezu berückende Persönlichkeit zu verleihen. Gegen Ende, wenn Liszt das Thema in bittersüße, harmonisch extravagante Terzgänge einfasst, reicht Bolet ein winziges Rubato vor dem letzten Melodieton, und es überläuft uns ein Schauer.
      Es ist dieser nur andeutende Emotions-Minimalismus, der ihn so groß macht als Liszt-Spieler. Sein Konzert-Paradestück, Liszts Transkription der Tannhäuser-Ouvertüre, spielte Bolet, kurz vorm Nachhausegehn, nur schnell einmal durch. Fast hätten die Techniker vergessen, es aufzuzeichnen. Und da geriet er, wider Willen vielleicht, doch in einen fantastischen Furor. Zwei Jahre später, mit sechzig, kam das Wunder des späten Durchbruchs. Wie im Märchen.

Matthias Kornemann, 31.01.2002



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