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Jean-Baptiste Lully

Persée

Paul Agnew, Anna Maria Panzarella u.a., Les Talens Lyriques, Christophe Rousset

Astrée Naïve/Harmonia Mundi E 8874
(9/2001) 3 CDs

Von königlicher Souveränität und Leichtigkeit ist diese "tragédie en musique" Jean Baptiste Lullys, die den Perseus-Mythos zum Thema hat. Bis weit ins 18. Jahrhundert war der Hofkomponist Ludwigs XIV. in ganz Europa berühmt. Heute sind Lullys über zwanzig Bühnenwerke bis auf wenige Ausnahmen so gut wie vergessen. Seinen Platz im kulturellen Bewusstsein hat er vor allem in Verbindung mit dem Werk Molières behalten und im Katalog musikalischer Kuriositäten als der Komponist, der sich selbst mit dem Taktstock eine Fußverletzung zufügte, an der er 1687 starb.
Einen entscheidenden Impuls zur Wiederbelebung Lullys dürfte Christophe Rousset mit dieser stilsicheren wie frischen Interpretation geben. Sein auf historischen Instrumenten spielendes Orchester Les Talens Lyriques verfügt über die "délicatesse" und "tendresse" (die mit "Feinheit" und "Zärtlichkeit" nur unzureichend übersetzt sind), durch die Barockmusik der Langeweile der endlosen Verzierung und Wiederholungen entgeht. Außerdem verfügt es über die Spielfertigkeit, die es vor jeglicher unentschiedenen Zaghaftigkeit schützt.
So ist von Beginn an der tragische Untergrund der mythologischen Handlung hörbar, aber auch ein gewisser fantastischer Witz, der die allegorische Dimension der Handlung deutlich macht: der siegreiche Perseus steht für Ludwig selbst.
Den weichen, aber klar artikulierten Klang des Ensembles kann Rousset dynamisch auf- und zudrehen wie einen Wasserhahn und somit den Eindruck großer Flächigkeit des Klangs erzeugen. Außerdem dramatisiert er die Musik Lullys durch starke Tempokontraste. Ein großer Meister ist Rousset auch im Beenden der Phrasen: er kann ein eindrucksvoll striktes Ende setzen, sie aber auch nonchalant ausklingen lassen.
Paul Agnew in der Titelpartie ist ein Glücksfall. Er hebt sich, obwohl er nur selten auftritt, durch das gewisse Etwas des Timbres und der Stimmführung ab. Anna Maria Panzarella als Andromeda kann es durchaus mit ihm aufnehmen. Zu den Höhepunkten der Oper gehört das Duett Perseus-Andromeda im zweiten Akt, vor allem wegen der Affektausbrüche Andromedas.
Es wird schwer werden, diese auch ansonsten gut besetzte Ersteinspielung zu übertreffen. Doch das klassizistische Libretto Quinaults und den informativen Begleittext hätte man vom Altfranzösischen/Französischen nicht nur ins Englische, sondern auch ins Deutsche übertragen können.

Cornelia Wieschalla, 06.06.2002



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