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Alexander von Zemlinsky

Lyrische Sinfonie op. 18 für Sopran, Bariton und Orchester

Christine Schäfer, Matthias Goerne, Orchester von Paris, Christoph Eschenbach

Capriccio/Delta Music 71081
(51 Min., 6/2005) 1 CD

Vielleicht wird Arnold Schönberg einmal damit in die Geschichte eingehen, dass er zweckfreien Optimismus und trockenen Zynismus oft elegant und zwanglos zusammenbrachte. "Möglicherweise", sagte er über Alexander Zemlinsky, "wird seine Zeit früher kommen, als man denkt." Das war 1949, Zemlinsky war schon sieben Jahre tot, seine große "Lyrische Symphonie" mehr als zwanzig Jahre alt und weitestgehend vergessen. Immerhin war Zemlinsky selbst nicht ganz vergessen: man achtete ihn als Lehrer von Berg und Schönberg. Erst in den 70er und 80er Jahren kam auch die Musik Zemlinskys wieder zurück, wobei das Label Capriccio mit zahlreichen Veröffentlichungen nicht ganz unbeteiligt war und ist an der Wiederentdeckung verschütteter Meisterwerke aus den zwanziger Jahren. Zemlinskys "Lyrische Symphonie" gehört zweifellos dazu, sie ist ein Pendant zu Mahlers "Lied von der Erde" und zu Schönbergs "Gurreliedern", stützt sich ebenso auf einen großen, spätromantischen Orchesterapparat und zwingt gleichsam große Sinfonie und Orchesterlied, zwei zentrale Gattungen deutscher Romantik, auf eine Linie, formt einen großen breiten musikalischen Erzähl- und Emotionsstrom. Matthias Goerne schwimmt darin so frei und schillernd wie ein Riesensaibling, scheint weder stimmlich noch in der Kraft seines Ausdrucks an Grenzen zu stoßen. Auch Christine Schäfer streift nur selten die Uferböschung, wenn sie sich gleichsam quer stellt und mit einer gewissen Nachdrücklichkeit ihr Gestaltungspotenzial ausreizt. Wunderbar fließend: das Orchestre de Paris unter Leitung von Christoph Eschenbach, der sich als wahrer Wellenbeherrscher erweist, als selbstsicherer und dennoch stets neugieriger Neptun in schwer auslotbaren Gewässern. Denn Zemlinsky vereint in seiner "Lyrischen Symphonie" nicht nur unterschiedliche Stränge der Spätromantik, sondern weitet den Raum auch für die Moderne. Da entsteht ein ungeheures Spannungsfeld, das nicht durch Abgeklärtheit oder schieres dirigentisches Handwerk herzustellen ist, sondern einzig durch wissende Neugier, durch erfahrene, solide fundierte Naivität.

Helmut Mauró, 25.03.2006



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