Wie viele Opern dieser Qualität mögen wohl noch in den Archiven der Verlage unaufgeführt herumliegen? Im Falle des "Traumgörge" von Alexander Zemlinsky vereitelte Gustav Mahlers Rücktritt als Wiener Hofoperndirektor 1907 die bereits im Probenstadium befindliche Uraufführung. Sie wurde erst 1980 in Nürnberg nachgeholt. Die neue Aufnahme unter Leitung von James Conlon, der sich seit Jahren der Zemlinsky-Pflege widmet, ist die Schallplattenpremiere des Werks. Sie geht auf Mitschnitte der konzertanten Kölner Aufführungen des Jahres 1999 zurück.
Hauptfigur des Werks ist ein Träumer namens Georg oder "Görge", der als Waisenkind in einem norddeutschen Dorf zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufwächst. Seine Neigung zu Märchen und Tagträumen macht ihn in dem engstirnigen, auf Nützlichkeit ausgerichteten Dorf zum Außenseiter, von Interesse ist nur sein Erbe, das ihn zu einem begehrten Schwiegersohn macht. Als ihm im Traum eine Prinzessin erscheint, kehrt er seinem Dorf den Rücken und macht sich auf die Suche nach seinen Idealen, gemäß seiner Maxime: Lebendig müssen die Märchen werden!
Musikalisch nutzte Zemlinsky alles, was seinerzeit geboten war: Ein gewaltiger Orchesterapparat und eine spätromantische Tonsprache voll harmonischer und klanglicher Raffinesse können den Liebhaber solcher Partituren entzücken. Keine leichte Aufgabe für die Sänger, gegen diese Klanggewalt anzusingen. David Kuebler als Görge scheint das nichts auszumachen: Er steigert die metallische Schärfe seiner kräftigen Tenorstimme noch im Verlauf der Aufführung und zeigt keine Anzeichen von Müdigkeit. Sehr gut schlagen sich auch Michael Volle und Andreas Schmidt in weiteren Hauptrollen.

Michael Wersin, 01.03.2001



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