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Alexander von Zemlinsky

Sinfonie d-Moll, Waldgespräch, Frühlingsbegräbnis, Maiblumen blühten überall

Edith Mathis, Roland Hermann, Chor des NDR, NDR Sinfonieorchester, Anthony Beaumont

Capriccio/EMI 10 740
(71 Min., 11/1995, 4/1997) 1 CD

Alexander von Zemlinsky ist der Nachwelt vor allem als Opernkomponist ein Begriff geworden. Die vorliegende Einspielung mit unbekannten "Jugendwerken" des Komponisten zeigt, warum. Die Sinfonie in d-Moll des Einundzwanzigjährigen rettet sich immer, wenn sie im Durchführungsgewusel der Motive nicht mehr so recht weiter weiß, in die große Geste. Der langsame Satz schreitet zwar gravitätisch einher, doch das, was man nach Brahms eigentlich erwarten dürfte, nämlich musikalische Entwicklung, findet einfach nicht statt.
Auch die Kantate "Frühlingsbegräbnis" für Sopran, Bariton, Chor und Orchester, die Zemlinsky dem Andenken an Brahms widmete, leidet nicht nur unter dem holprigen Text von Paul Heyse, sondern auch unter manch weihevoller Länge. Der engagierte Einsatz von Chor und Orchester des NDR und des Dirigenten der Aufnahme, Anthony Beaumont, können daran nicht viel ändern -– und selbst Edith Mathis und Roland Hermann nicht.
Und doch finden sich auf dieser CD zwei Werke, mit denen Zemlinsky demonstrieren kann, dass er zumindest in der kleinen Form kein Spätentwickler war: Da wäre zunächst "Waldgespräch", die Vertonung einer Ballade Joseph von Eichendorffs für Sopran, zwei Hörner, Harfe und Streicher. Wie Zemlinsky die Begegnung des wackeren Ritters mit der schön schaurigen Lorelei mit sparsamen Strichen skizziert, weist in der Ökonomie der Mittel auf sein Bühnengenie hin. Schließlich war er bei der Komposition dieses Stücks zehn Jahre älter als bei seiner Sinfonie.
Bleibt zum Schluss das unvollendet gebliebene "Maiblumen blühten überall" für Sopran und Streichsextett. Vor allem blüht hier in schwüler Todessehnsucht das Fin de siècle, und Edith Mathis bleibt der Dekadenz dieser Komposition nichts schuldig.

Stefan Heßbrüggen, 31.01.1998



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