Schon auf seiner Debüt-CD "Der Glanz der Trompete" hat der neue ungarische Stern am Trompeten-Himmel gezeigt, dass es nicht immer Fasch oder Torelli sein muss, wenn virtuos poliertes Barockzeitalter gemeint ist. Gabór Boldoczki greift da schon mal lieber zur Bearbeitung eines Bach-Violinkonzertes, um den erwarteten Repräsentationscharakter seines Instruments wirkungsvoll abzuschmettern. Auf eine ähnliche Neuprofilierung setzte Boldoczki nun auch bei der Repertoire-Auswahl für sein zweites Album, das ganz auf die Wiener Klassik zugeschnitten ist. Natürlich dürfen dabei zwar die Schlager von Joseph Haydn (Es-Dur-Konzert) und Johann Nepomuk Hummels E-Dur-Konzert nicht fehlen. Doch an die Stelle von Michael Haynds nicht weniger prominentem Original-Konzert tritt jetzt das 1766 komponierte Flötenkonzert D-Dur sowie Mozarts Oboenkonzert - beide in der Fassung für Piccolo-Trompete.
Natürlich hält Boldoczki bei all diesen vier Werken nicht mit seinen Tugenden hinter dem Berg. Die perlenden Figurenketten sind makellos, die Kantilenenarbeit ist flexibel und die Steigerungswellen gelingen bis ins Fortissimo mit vorbildlicher Mühelosigkeit. Doch im Gegensatz zu den meisten seinen jungen und älteren Kollegen wie gerade Trompeten-Oheim Maurice André ist Boldoczki keiner, der egomanisch an die Podiumsrampe festwächst und so dem Orchester ständig den Rücken zudreht. Boldoczkis künstlerische Haltung speist sich vielmehr aus der Kommunikation. Was sich gerade dank des von Howard Griffiths glänzend eingestellten Züricher Kammerorchesters in einer erstaunlichen Subtilität zeigt, wenn Boldoczki über sein serenadenhaftes Melos in Hummels "Andante" plötzlich eine Nähe zu Mozarts berühmtem "Adagio" aus dem G-Dur-Violinkonzert aufspürt. Nicht nur da wird plötzlich aus ehemals purem Oberflächen-Glanz große Kunst.

Reinhard Lemelle, 28.08.2004



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