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Joseph Haydn

Sinfonien Nr. 93, 94 und 103

Royal Philharmonic Orchestra, Thomas Beecham

Sony 89890
(72 Min., 1950, 1951) 1 CD

Nicht Herbert von Karajans Haydn-Einspielungen sind die Antithese zu denen Harnoncourts oder Gardiners - der wahre Antipode heißt Thomas Beecham, seine verschiedenen Aufnahmen der "Londoner“ Sinfonien sind ebenbürtig dem Besten, was die "Authentiker“ zu bieten haben. Er dirigierte noch die höchst anfechtbaren alten Haydn-Ausgaben von Breitkopf & Härtel, also einen streckenweise romantisierten Haydn, mit zahlreichen dynamischen Veränderungen, instrumentalen Retuschen und der einen oder anderen (versehentlich?) „angeglichenen“ Harmonik.
Als der Haydn-Forscher H. C. Robbins Landon seine kritischen Neuausgaben präsentierte, war Beecham bereits ein alter Mann - aber erst im Alter fand er überhaupt zu Haydn! Dennoch, Robbins Landons Haydn war nicht Beechams. Der große Bonvivant unter den britischen Dirigenten, der Erbe von „Beecham’s Pills“, dem am meisten verkauften Schmerz- und Schlafmittel der Insel, der Orchester und Chöre gründete wie andere Kegelclubs - Beecham war der, der die Essenz der Haydnschen Musik am genauesten traf, ihren Charme, ihren Witz, weil er ihr wesensverwandt war.
Zum Beispiel diese Ritardandi in der Nr. 94 sind gewagt bis an die Grenze der Parodie - aber genau da, riskant nah an einer Grenze, spielt wahre Größe sich ab. Und "gewagt" komponierte Haydn auch. Hört man dagegen Harnoncourt, der bei natürlich größerer Orchesterperfektion verglichen mit Beecham klingt wie das hölzerne Bengele, das mit seiner langen Nase dirigiert: Da wird auch ein Geschmackswandel über die Zeiten deutlich.
Einiges gefällt mir nicht an der digitalen Aufbereitung der alten Mono-Bänder: Schlussakkorde werden Sekunden-Bruchteile vorm Ausschwingen gekappt, Rauschunterdrückung reißt über Kopfhörer peinvoll hörbare Löcher in den Ablauf, Voraus-Echos werden nur halbherzig unterdrückt, das heißt, sie sind immer noch da, beginnen aber im Nichts und sind noch störender, als wenn sie einfach ganz stehen geblieben wären. Schlampig, schlampig. Aber trotz all dem: Thomas Beecham gibt den ungezwungensten, den haydnischsten Haydn des 20. Jahrhunderts. Und wissen Sie, wer einer seiner größten Bewunderer war? H. C. Robbins Landon, der Haydn-Forscher.

Thomas Rübenacker, 12.09.2002



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