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Around Brazil

Simon Nabatov

ACT/Edel 9754-2
(69 Min., 9/2005)

Den Münchner Pianisten Simon Nabatov zu charakterisieren, fällt schwer. Er ist Avantgardist und Traditionalist. Er beherrscht das Handwerk des Barpianisten, er swingt und er experimentiert völlig unkonventionell mit Klängen. In seinem Beitrag zur Piano-Solo-Reihe des Münchner Labels ACT vereinte er all diese Facetten mit seiner Liebe zur brasilianischen Musik. Zwei beschwingte Songs von Caetano Veloso und Antônio Carlos Jobim, "Desde que o samba é samba" und "Estada do Sol", eröffnen die Disc. Im Gegensatz zu diesen Stücken mit tragenden Melodien baut er das eigene, zehnminütige "Partita de Março" aus Klangtupfern, Fetzen, Läufen und anderen Figuren wie ein Actionpainter auf und findet zu einer flirrenden, aus kleinen Punkten zusammengesetzten Hitze. Im Gegensatz dazu wirkt seine zweite Eigenkomposition, "My Sertão", wie ein fröhliches Tänzchen eines virtuosen, mit allen Wassern gewaschenen Kneipenpianisten. Seine Version von Ernesto Nazareths "Nenê" erinnert liebevoll an das steife Spiel der Ballett-Korrepetitoren, und "Eu vim da Bahia" von Gilberto Gil ist bei ihm eine besinnliche Ballade. Im Gegensatz dazu gestaltet er Militãos "Depois que o llê passar" als Klanggemälde aus sirrenden, mit der Hand angeschlagenen Saiten und kleinen, feinen, zögernd wie aus dem Off hereinwehenden Melodien. Ary Barrosos "Na Baxia do Sapateiro" reicht von abstrakten Klangbewegungen bis zur heiteren Samba. Auch seine Version von Antônio Carlos Jobims "Valsa de Pôrto Das Caixas" beginnt mit isolierten Bewegungen, die sich zu einem brüchig melodiösen Trance verdichten. Mit Caetano Velosos "Qualquer coisa" und "Você é linda" klingt die Disc stimmungsvoll aus. Die schlichte Schönheit und komplexe, fast unspielbare Struktur, sanfte Klänge und harsche Dissonanzen prägen die Disc - ein verblüffendes Selbstportrait eines großartigen, weit unterschätzen Pianisten.

Werner Stiefele, 07.07.2006



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