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Salle Pleyel Nov. 25th, 1960; Olympia Apr. 15th, 1961; Salle Pleyel Mar. 27th, 1969

Cannonball Adderley

Laserlight/Delta 36126
(05/1969) 2 CDs

Jeder Sammler hat Platten von Live-Übertragungen aus legendären Spielstätten zu Hause, liebt sie und ärgert sich zugleich: Raubpressungen mit mangelnder Tonqualität, unverlässliche Angaben zu Besetzung, Aufnahmedatum, Stücktiteln. Nicht so hier: Laserlight hat es sich zur Aufgabe gemacht, vom Sender Europe 1 mitgeschnittenes Material offiziell zugänglich zumachen und das bedeutet: Gute Aufnahmequalität und präzise Angaben.
Auf zwei Doppelalben werden hier Cannonball Adderleys Pariser Konzerte vom 26. November 1960, 14. April 1961 und 27. März 1969 präsentiert. Es sind zwei Seiten einer Medaille: Bei den beiden ersten Konzerten werden die Adderleys euphorisch umjubelt, beim späteren Konzert ruft ein sichtlich enttäuschtes Publikum schon mal Buh! Beide Reaktionen sind verständlich, obgleich das 69er-Konzert trotz einiger uninspirierter Passagen nicht eigentlich schlecht ist: Das Publikum dürfte mit den Erwartungen der Vorjahre an die neue Band herangetreten sein; doch Repertoire, Besetzung und Stil hatten sich im Laufe der Jahre gewandelt. Obwohl damals der funky Funke nicht übersprang, beim heutigen Hörer kann er es. Zu den Höhepunkten der Formation gehörte "Mercy, Mery, Mercy" von Joe Zawinul, der hier Keyboards spielte.
Der Knüller ist aber die erste CD mit den früheren Aufnahmen. Vom 60er-Konzert finden sich hier nur "Janine", "The Chant" und "Work Song". Die Behauptung, es gebe keine weiteren, ist schlicht falsch. Das ganze Konzert wurde bereits vor fünf Jahren auf der Pablo-CD "Paris, 1960" veröffentlicht. Damals schrieb ich darüber: "Von den ersten, glückverströmenden Takten des Titels ‚Jeannine' an ist uns bewusst, dass wir einer Sternstunde beiwohnen und strahlen wie ein Astronom, der gerade unerwartet einen neuen Leuchtkörper entdeckt hat. In einer seiner unnachahmlichen Ansagen verkündet Cannon: 'You know, tunes named after girls like Jeannine are usually slow, wispy ballads, so you know that Jeannine is a swinging chick, right?' Und ob! Und das sind auch alle fünf: Neben dem aufgekratzten Altisten swingen Nat Adderley (cnt), Victor Feldman (p), Sam Jones (b) und Louis Hayes (d) so unbändig, dass sich die Bretter der Salle Pleyel biegen."
Ein halbes Jahr später, im Olympia, musizierte die fast gleiche Formation wie um ihr Leben. Mit "Bohemia After Dark" bringt Cannonball die Band und das Publikum zum Rasen. Fünf Jahre zuvor hatte er mit diesem Stück so überzeugt, dass er über Nacht als "New Bird" gefeiert wurde. In Paris galoppierte er gar doppelt so schnell dahin wie auf der Ersteinspielung.
Cannonball Adderleys Live-Alben sind hochverehrte Platten der Soul-Jazz-Ära. Es gibt genug von ihnen, doch wirklich genug könnten es nie sein. Folglich ist das Doppelalbum, trotz der Dopplungen und einiger Schwächen ein Muss für Fans des Altsaxofonisten.

Marcus A. Woelfle, 11.04.2002



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