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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 9

Symphonieorchester des BR, Rafael Kubelik

Audite/Naxos 4 009410 954718
(79 Min., 6/1975) 1 CD

Vielleicht sollte man sich, wenn das Jahr noch so jung und voller Tatendrang ist, nicht gerade Mahlers aufwühlendes Abschieds-Epos in den CD-Spieler legen. Wenn aber doch, dann in dieser Kubelik-Sicht. Denn beim ehemaligen Grandseigneur des Bayerischen Rundfunks, der das dortige Sinfonieorchester in den siebziger und achtziger Jahren zu Weltruf führte, wird diese Neunte nicht zum persönlich-überbordenden Gefühls-Exzess, sondern zu einer Manifestation menschlicher wie menschheitlicher Größe - weniger pathetisch ausgedrückt: man heult hier nicht (wie bei Bernstein) Rotz und Wasser, sondern sieht zutiefst erschüttert aber gefasst dem Ende entgegen.
Nicht dass Kubelik die Emphase verleugnet, aber er sucht ihre Form, ihre Proportionen beizubehalten. Vor allem durch relativ zügige Tempi und schlanke Linienführung auch im polyfonen Riesenapparat des Mahler-Orchesters. Solches Insistieren auf Präzision, Stringenz und Klarheit hat allerdings in den beiden Mittelsätzen zur negativen Konsequenz, dass das Makabre und Brutale zu kurz kommt: Kubeliks soldatischem Schneid fehlt die nötige Vulgarität.
Den beiden gigantischen Ecksätzen aber kommt zugute, dass die in der Partitur bereits angelegten Ausdrucksextreme (der erste Satz kennt neben den "Abstürzen" ja noch die ekstatische Lebensbejahung) interpretatorisch nicht noch überzeichnet werden. Vor allem das einzigartige Adagissimo wird weder verschleppt noch in sich gegenseitig überbietende Seufzer-Eskapaden zerstückelt. Wie Mahler hier das Ersterben auskomponierte, wie sich die Lebensfäden immer weiter auflösen, das hat bei den filigran geführten Geigen Kubeliks etwas ungemein Zartes und auch Nobles. Eine Mahler-Sternstunde also, wäre da nicht die minderwertige Tonqualität, in der der Tokioter Rundfunk das Konzert der fabelhaften Bayern 1975 mitgeschnitten hat.

Christoph Braun, 25.01.2001



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