"Werther", verlegt in die biederen 50er Jahre, das klingt nach schickem Design und nach Mogelpackung: Wieder eine dieser zahllosen Inszenierungen, die über eine oberflächlich-vordergründige Zeitverschiebung vermeintliche "Modernität" vorzugaukeln versuchen? Mitnichten. Natürlich wimmelt es auf Peter Pabsts Bühne von schönen Details der Ära, von der Stehlampe über die Kommode bis zum Schwarz-Weiß-Fernseher in der Nussbaumholz-Einfassung, natürlich sind die Kostüme bis in jede Petticoatfalte hinein perfekt, natürlich ist der riesige, weit ausladende Baum, über dessen enorme Äste die Figuren spazieren, eine effektvolle, alles dominierende Bildwerdung der von Werther elegisch erlebten, unausweichlichen Natur.
Doch in Andrei Serbans Inszenierung bleibt es nicht bei Äußerlichkeiten. Jede Figur ist klar entwickelt, jede Beziehung genau gezeichnet. Charlotte und Albert haben sich von Anfang an nichts zu sagen. Das Verhältnis ist abgeklärt, desillusioniert. Man hat sich arrangiert, weil die Familie es so will. Die Wichtigkeit einer unantastbaren Fassade, die Bedeutung des schönen Scheins, die gerade die Gesellschaft der 50er Jahre so kennzeichnete, ist allgegenwärtig. Selbst Marcelo Álvarez, in der Regel nicht gerade ein begnadeter Schauspieler, gelingt es hier, einen glaubwürdigen Charakter vorzustellen. Er ist zwar kein Villazón, aber kommt einer Idealbesetzung nahe. Das Gleiche gilt für Elina Garanca als Charlotte mit kühler Grace-Kelly-Erotik. Ein Muss.

Jochen Breiholz, 28.01.2006



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