Mit seinem oratorischen Erstlingswerk zur wundersamen Saulus-Paulus-Wandlung habe der zum Protestantismus konvertierte Jude Mendelssohn ein allzu persönliches und gefühliges Bekenntniswerk geschaffen. In diesem Vorurteil offenbart sich ein erstaunlicher Schulterschluss zwischen ehemals deutschnational-antisemitischen Musikhistorikern und manchem "kritischem" Adornojünger unserer Tage. Demgegenüber setzt sich heute zunehmend die Einsicht durch, dass dieser "Paulus" – trotz mancher zweifellos sentimental erscheinenden Passage – eine geniale Tat war, mit der der 27-Jährige auf einzigartige Weise höchste kompositorische Ansprüche, romantisches Empfinden und religiöse Ansprache vereinigte. Wie Mendelssohn selbst sieht sich auch sein heutiger Interpret vor die Synthese-Aufgabe gestellt, Kunst mit Gefühl und "Botschaft" zu versöhnen. Frieder Bernius, der im Rahmen seiner bislang mustergültigen Gesamteinspielung von Mendelssohns geistlichem Schaffen nun den "Paulus" vorgelegt hat, präferiert ersteres: Es geht ihm primär darum, die kompositorische Dichte und Farbigkeit der Mendelssohn’schen Partitur aufzuzeigen. So luzide und filigran wie bei ihm hat noch niemand das Stimmgeflecht aufgefächert. Auch in der dynamischen Feinarbeit, dem großen Legatobogen wie dem detailbesessenen An- und Abschwellen einzelner Noten, übertrifft Bernius die bislang führenden Einspielungen durch Christoph Spering, Philippe Herreweghe und Helmuth Rilling. Die schlanke, geschmeidige Tonführung seines faszinierend homogenen Kammerchores wie auch das höchst flexibel agierende Bremer Eliteorchester sind makellose Garanten für diese Demonstration der Mendelssohn’schen Kunstfertigkeit. Und die romantische und religiöse Emphase bzw. Ansprache? Sie bleibt bei Bernius (absichtlich?) unterbelichtet. Nicht dass sie fehlen würde, aber hier zeigen jene anderen Mendelssohnexegeten mehr Herzblut. Selbst in der brutalen Steinigungsszene einerseits, den ergreifend schlichten Chorälen andererseits scheint Bernius eine gewisse Reserviertheit bzw. Distanziertheit nie verlieren zu wollen. Auch die Solistenriege hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Zwar passt ihr schlankes, helles Timbre zu Bernius‘ Entschlackungsvorgabe, das ausgeprägte, vor allem von Michael Volle in seiner Titelrolle praktizierte Vibrato steht dem aber entgegen. Und bei aller grazilen Natürlichkeit: In Maria Kiehrs Sopran sind Ermüdungserscheinungen nicht zu überhören. Gleichwohl: Dieser "Paulus" ist, schon allein der exquisiten Ensembleleistungen wegen, ein Muss für jeden Oratorieninteressierten.

Christoph Braun, 11.08.2007



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