Die Hindemith-Edition bei Wergo kann mit einem weiteren Fund aufwarten: dem dreiteiligen Oratorium „Das Unaufhörliche“ (1930/31) nach einem Text von Gottfried Benn. Wer dächte da nicht an Nielsens ältere Vierte Sinfonie („Das Unauslöschliche“)? Der programmatische Gedanke, den Nielsen rein instrumental verfolgt, ist dem Bennschen durchaus verwandt: Das Leben, die immerwährende Urkraft, unterwirft alle und alles stetiger Veränderung. Was bei Heraklit noch in die schlichten Worte „Alles fließt“ gekleidet war, lautet in Benns Worten zum Schlußchor: „Die Welten sinken und die Welten steigen aus einer Schöpfung stumm und namenlos, die Götter fügen sich, die Chöre schweigen: ewig im Wandel und im Wandel groß.“ – Das ist pantheistischer, schickalsergebener Schwulst, der durch die völlig abgehobene, von Benn selbst gesprochene Werkeinführung nicht erträglicher wird.
Die enge Zusammenarbeit zwischen Autor und Komponist ist für beide höchst erfreulich verlaufen – doch Benns Liebäugeln mit den braunen Machthabern machte Hindemith eine Fortsetzung unmöglich. Da er den Text guthieß, färbte dieser auch auf die Musik ab: Pathetische Exerzitien in Kontrapunkt und erweiterter Tonalität. Es brauchte eben schon damals ein Schlitzohr wie Strawinsky, um dem angejahrten Oratoriengenre noch ein Meisterwerk („Oedipus Rex“) abzutrotzen.

Mátyás Kiss, 31.01.1997



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