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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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György Kurtag

Kafka-Fragmente

Anna Prohaska, Isabelle Faust

hm-Bertus HMM 902359
(58 Min., 5/2020)

Was für eine Weisheit: „Es gibt kein Haben, nur ein Sein, nur ein nach letztem Atem, nach Ersticken verlangendes Sein.“ Oder dieses Schmunzeln machende und doch doppelbödig bittere Lebenssignal, das da lautet: „Einmal brach ich mir das Bein, es war das schönste Erlebnis meines Lebens.“ Solche Sätze finden sich zuhauf in den nachgelassenen Tagebüchern und Briefen Franz Kafkas. Und viele sind privat, intim. Vierzig solcher Bemerkungen und Textfragmente sollte der Ungar György Kurtág 1985 nun aus dem riesigen Nachlass Kafkas auswählen – für einen Zyklus nur für Sopran und Violine. Eine geradezu intime Besetzung – oder wie es Kurtágs Freund und Komponistenkollege György Ligeti einmal bewundernd beschrieben hat: „Es ist eine phantastische Ökonomie: der Gesang mit einer einzigen Geige und wie das Instrument technisch und ausdrucksmäßig genutzt wird.“ Ligetis Loblied wirkt jedoch angesichts Kurtágs musikalischer Kafka-Lektüre wie eine glatte Untertreibung. Denn selbst in einer noch nicht einmal zwanzig Sekunden dauernden Miniatur steckt eine klangsprachliche Intensität, die stets fast wie das Echo jener oftmals unheilvollen Stimmungen wirkt, die in Kafkas „Fragmenten“ mitschwingen. Das verstörend Spöttische und das beklemmend Bewegende, aber auch diese Mischung aus Groteske und Humor, wie sie bei Kafka eben auch allgegenwärtig sind, scheinen da in Kurtágs Musik gespiegelt. Wobei er es schafft, selbst mit feinsten Pianissimo-Schattierungen dem Zuhörer noch einmal unmittelbarer in die Knochen zu fahren, als es die Texte vorhaben.
Für schwache Gemüter und zarte Seelen ist dieser rund einstündige, in vier Abschnitte unterteilte Reigen nichts. Dennoch haben sich die hochexpressiven „Kafka-Fragmente“ seit ihrer Uraufführung 1987 bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik zu einem vielfach gespielten Kammermusikwerk entwickelt und damit Kurtágs Rang als eine der singulärsten Stimmen in der zeitgenössischen Musik untermauert. Sieht man einmal von Patricia Kopatchinskaja ab, die in Personalunion aus Geigerin und Erzählerin aus diesem fragilen Opus eine überdrehte One-Woman-Show gemacht hat, galt die Einspielung von Sopranistin Juliane Banse und dem Violinisten András Keller lange als Maßstab. Jetzt haben sich Sopranistin Anna Prohaska und Geigerin Isabelle Faust zusammengetan, um in die brüchigen Kantilenen, nervös flackernden Tongebilde und extrem expressionistischen Lamenti gleißende Klangsilberfäden einzuziehen, die selbst mit der zeitgenössischen Musik nicht so vertraute Klangkulinariker schlichtweg begeistern müssen.

Guido Fischer, 17.09.2022



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