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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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„Somnambule“

Olga Reznichenko Trio

Traumton-Indigo/375 Media 05218612
(50 Min., 12/2020)

Die Vorbereitungen für das Debütalbum der seit 2012 in Leipzig lebenden Russin Olga Reznichenko und ihres Trios sind für Jazzverhältnisse eher unüblich. Die Pianistin ließ sich zunächst von einem Freund eine Erzählung schreiben, die von einem Traum in acht Kapiteln handelt. Daraus machte Reznichenko Stücke, die schon in ihren Titeln eine Verwandtschaft mit der von den Regeln der Alltagswelt entkoppelten Logik unseres träumenden Unterbewusstseins zeigen. Hinzu kommt, dass es die Angewohnheit der 1989 in der Hafenstadt Taganrog geborenen Musikerin ist, ihre Kompositionen aus Improvisationen zu destillieren, die sie zuvor alleine für sich aufgenommen hat. Das Bemerkenswerteste wird danach für ihr Trio fixiert.
Das Resultat sind filigrane, höchst unberechenbare Kompositionsgewebe, die Reznichenkos Mitstreiter, Lorenz Heigenhuber am Bass und Maximilian Stadtfeld an den Drums, vor reizvolle Aufgaben stellen. Etwa in der Eröffnung „Liquid Salt Sleeps Lost“, in der der Bass die geheime Hauptrolle einnimmt und das Klavierthema mal doppelt, mal kontrapunktisch kommentiert. Und irgendwann, wenn die von Drummer Stadtfeld so fantasievoll umspielte Melodie erschrocken einen imaginären Berg heruntergepurzelt ist wie jemand, der im Wegdämmern vor Schreck noch einmal hochzuckt, verschwinden Klavier und Schlagzeug plötzlich ganz. Zurück bleibt ein einsam solierender Kontrabass.
Radikale Szenenwechsel, die dennoch so soghaft stimmig wirken wie ein David-Lynch-Film, finden sich auf „Somnambule“ zuhauf. Man darf sich in Reznichenkos feinem Gespür für ungewöhnliche Songentwicklungen an verschiedene Einflussquellen erinnert fühlen: Etwa an das Faible für das Unheimliche, das die Pianistin mit ihrem Hochschullehrer Michael Wollny teilt und das sie mit schwefligen Akkorden in den wolfsstundenhaften Balladen „Still Found from Below“ und „All After Nothing Left“ heraufbeschwört.
Neben den Elementarteilchen der russischen Spätromantik und des französischen Impressionismus, die sich in „Slipping Pace Returning Time“ zu einer Traumgestalt irgendwo zwischen Mussorgsky und Debussy formen, spielt auch der Minimalismus eines Nik Bärtsch eine wichtige Rolle auf dem Album. Das legen zumindest entsprechende Stellen in den Stücken „Restless Stone Stops Motion“ und „Final Mirrors Facing Flames“ nahe, wo das Trio auf der Stelle zu treten scheint wie Schlafende, die nicht wegrennen können. Ein Stillstand, der aber gänzlich untypisch für Reznichenkos Debüt ist, das in seiner widerborstigen Eigenständigkeit keinesfalls somnambul, sondern vielmehr hellwach wirkt.

Josef Engels, 13.08.2022



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