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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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„Watertown“

Frank Sinatra

Capitol/Universal 4538020
(57 Min., 1970)

Eine Frau, Elisabeth, verlässt ihren Mann. Der wird zum alleinerziehenden Vater der Söhne Michael und Peter. „We can still begin again“, hofft er auf ein Aufleben der Beziehung und erinnert an die schönen Seiten der gemeinsamen Zeit. Doch alles Sehnen nützt nichts, und die Briefe an seine Frau steckte er lieber in die Schublade, als sie zur Post zu bringen. Nein, sie kehrt nicht mehr zu ihm in den Ort Watertown zurück.
Diese Story bildet den roten Faden in Frank Sinatras Programmalbum „Watertown“. Das Publikum strafte seinen Seitensprung, mit dem er die gewohnten Pfade des Entertainments verließ, rigoros ab: 1970 wurden gerade mal 30.000 Exemplare des Albums verkauft. Nun, 24 Jahre nach Sinatras Tod, liegt eine Neuauflage auf CD und LP vor. Die Werbestrategen feiern das Album wie einst als Meilenstein. Das lassen die auf der CD (nicht auf LP) mitgelieferten Werbejingles von damals erkennen.
So seltsam sich dies aus der Distanz von 52 Jahren anhört: Dass eine Ehe scheitert, dass eine Frau ihren Mann und die gemeinsamen Kinder verlässt, widersprach den gängigen Normen und Moralvorstellungen. Und dann packt einer der größten Charmeure eine solche Geschichte in opulente Orchesterarrangements – ein von Sinatra sowie dem Texter-/Komponistengespann Bob Gaudio und Jake Holmes mutig vollzogener Tabubruch.
Wie Sinatra mit klarer, ruhiger Artikulation in die Haut des verlassenen Ehemanns schlüpft, zählt zu seinen gestalterischen Meisterleistungen. Er verzichtet auf Vorwürfe oder Pathos, er hofft auf ein klärendes Gespräch. Das mit Elektrobass, E-Gitarre, Streichern und einem üppigen Bläsersatz ausgestattete Orchester bettet seinen Gesang in dramaturgisch geschickt an den Text angepasste Arrangements. Auch damit verstößt er gegen alle Normen des Showbusiness. Den Abgesang auf eine Ehe hätte man eher im Singer-Songwriter-Gewand erwartet als im Orchestersound: Ein zweiter Verstoß gegen die Regeln des Gewerbes. Ein ungewöhnliches, hörenswertes Album.

Werner Stiefele, 18.06.2022



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin.
Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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