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This Bitter Earth

Veronica Swift

Mack Avenue/in-akustik 0321177
(62 Min., k. A.)

Veronica Swift nahm im zarten Alter von 9 Jahren ihr erstes Album auf. Später trat sie mit Weichspülern wie Chris Botti oder Traditionalisten wie Benny Green auf. Wer hört, wie sie gemeinsam mit Wynton Marsalis bei einem Konzertmitschnitt auf YouTube ein minutenlanges Scat-Solo über „Cherokee“ hinlegt, für den ist die Sache klar: Die 1994 geborene Sängerin gehört zu jener Kategorie von Wunderkindern, die zwar technisch virtuos, aber sonst eher unoriginell sind.
Von diesem Vorurteil kann man sich nun getrost verabschieden. Sicher: Auch auf ihrem neuen Album singt Swift intonationssicher und solistisch versiert einiges an Standard- und Mainstreamware, wie etwa „The Man I Love“ oder ein schmissiges „Youʼre The Dangerous Type”, bei dem sich andere Vokalistinnen wohl die Zunge verknoten würden.
Doch nicht nur wie sie singt, sondern auch was sie singt, überzeugt. Denn die 27-Jährige zeigt bei der Stückauswahl großes Geschick und löst ein, was das von Dinah Washington entliehene Titelstück „Bitter Earth“ verspricht: Hier stellt sich jemand sehr erwachsen und ohne große Illusionen den Widrigkeiten der Gegenwart. Auch wenn gelegentlich Streicher watteweiche Teppiche auslegen und die musikalische Begleitung von einem blitzsauber swingenden Piano-Trio unter der Leitung Emmet Cohens kommt, ist von dem unschuldigen nostalgischen Eskapismus der Vorgänger-Jazzgesangsgeneration um Jane Monheit und anderen keine Spur.
Ganz im Gegenteil: Mit an Zynismus grenzender Schärfe interpretiert Swift die Rodgers- und Hammerstein-Nummer „Youʼve Got To Be Carefully Taught“ aus dem Jahr 1949, die davon handelt, dass man Kinder früh zu Angst und Hass erziehen sollte, damit sie brav die rassistischen oder religiösen Vorurteile ihres Umfeldes übernehmen.
Ganz sanft und naiv intoniert sie hingegen zu akustischer Gitarre den Carole-King-Song „He Hit Me (And It Felt Like A Kiss)“, der unverblümt von häuslicher Gewalt handelt. Und wandert dann zu dem gleichermaßen großartigen wie unbekannten „The Sports Page“ von 1971 aus der Feder des Jazz-Pianisten und Journalisten Dave Frishberg, der sich wie ein genialer Kommentar zu Fake-News-Pest, Verschwörungsgeschwurbel und der US-Wahl 2020 anhört.
Wenn Swift zum Abschluss „Sing“ von der Band Dresden Dolls mit angejazzrockter Gitarre als fragilen Aufruf zur Versöhnung mit dem eigentlich Unversöhnlichen intoniert, wird klar: Die USA haben neben Cécile McLorin Salvant nun eine weitere kraftvolle Jazz-Stimme mit einem brillanten Gespür für Subtexte.

Josef Engels, 05.06.2021



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