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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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XXXX

Michael Wollny, Emile Parisien, Tim Lefebvre, Christian Lillinger

ACT/Edel 1099242ACT
(45 Min., 12/2019)

Mit vier geheimnisvollen Unbekannten, wie es der Albumtitel „XXXX“ andeutet, hat man es hier wahrlich nicht zu tun. Michael Wollny, Deutschlands Vorzeige-Jazzpianist, und Christian Lillinger, Deutschlands Muster-Drum-Dekonstrukteur, haben sich mit dem US-Bass-Bastler Tim Lefebvre und dem französischen Sopransaxofonisten Emile Parisien zu etwas zusammengetan, das man gerne Supergroup nennt.
Im Gegensatz zu den sonst üblichen Gesetzen von Prominenten-Ballungen auf der Bühne wagte das Quartett im Dezember 2019 bei seinen vier Konzerten im Berliner A-Trane etwas Besonderes: Man verzichtete nicht nur größtenteils auf vorherige Absprachen, sondern traute sich im Falle von Michael Wollny an etwas komplett Neues heran. Zum ersten Mal hört man den Pianisten mehr oder minder ausschließlich am Synthesizer.
Das 45-minütige Destillat aus den Konzertabenden zeigt, dass Wollny an den elektronischen Tasteninstrumenten seiner Liebe zur düsteren cineastischen Stimmungsmalerei noch besser frönen kann als am Flügel. Wenn er seine an die 1980er-Jahre gemahnenden Synth-Arpeggien in den Raum wirft, denkt man nicht nur wegen Stücktiteln wie „Dick Laurent Is Dead“ unweigerlich an David Lynch oder an Vangelisʼ Soundtrack für „Blade Runner“. Man darf sich aber auch gerne an Jean-Michel Jarre oder an Bands wie Visage erinnert fühlen, dessen „Fade to Grey“ Wollny ziemlich deutlich in „Nörvenich Lounge“ zitiert.
Was „XXXX“ so bemerkenswert macht, ist, wie stimmig die vier Individualkönner ihre charakteristischen Eigenheiten in den Dienst eines gemeinsamen psychedelischen Trips stellen, ohne sich dabei zu verlieren. Lefebvres Bass, der mal mit Ringmodulatoren-Sound oder Gitarrenverzerrung arbeitet, hält alles zusammen und erlaubt sich gleichzeitig Capricen wie eine Bach-Fuge mit Rock-Appeal (in „Too Bright In Here“). Lillinger wiederum schafft es mit schizophrener Perfektion, einen steten vibrierenden Puls zu liefern und dennoch alles mit mikrorhythmischem Irrsinn gleich wieder infrage zu stellen. Parisien schließlich ist das Verbindungsglied zum Jazzrock der 1970er, als man Saxofone an Wah-Wah-Pedale anschloss und damit so beherzt drauflos gniedelte, als traktiere man eine Flying-V-Gitarre.
Kenner der Materie wissen vielleicht sofort, was die Abbildung auf dem Album-Cover zu bedeuten hat. Es handelt sich dabei um die Molekularstruktur von Psilocybin, des Stoffs in psychoaktiven Pilzen. Alle anderen liegen aber nicht falsch, wenn sie das Ganze eher so deuten: Die Chemie stimmt.

Josef Engels, 15.05.2021



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