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Johann Sebastian Bach

h-Moll-Messe BWV 232

Gli Angeli Genève, Stephan MacLeod

Claves/Klassik Center Kassel CLA50-3014/15
(101 Min., 10/2020) 2 CDs

Aufnahmen der Messe h-Moll mit minimaler Vokal- und Instrumentalbesetzung sind keine neue Idee: Schon in den frühen Achtzigerjahren wagten sich die beiden damaligen Vorreiter der solistischen Aufführungspraxis, Joshua Rifkin und Andrew Parrott, auf diese Weise an Johann Sebastian Bachs Opus ultimum. Parrotts Aufnahme entdeckte ich als Teenager in einem Schallplattengeschäft. Wie vom Blitz getroffen hörte ich noch vor Ort Emma Kirkby allein mit dem Beginn der „Et in terra pax“-Fuge – bis heute ist das für mich einer der großen Momente der Aufnahmegeschichte. Parrotts Einspielung insgesamt ist unter anderem durch die faszinierende Virtuosität, Kraftentfaltung und transparente Klangfülle, die das kleine Ensemble etwa in der „Cum Sancto Spiritu“-Fuge zu erreichen vermochte, bis heute ein Faszinosum. Seither ist man mit der Messe h-Moll musikwissenschaftlich, musikalisch-theologisch und aufführungspraktisch ein gewaltiges Stück weitergekommen. Bachs Parodiepraxis ruft nicht mehr Stirnrunzeln hervor, sondern wird mehr und mehr begriffen als ein atemberaubend kühner und ambitionierter Optimierungsprozess, dem Bach die besten seiner früheren Kompositionen im fortgeschrittenen Alter unterwarf. Und eine dem Text und der Faktur des Werkes gerecht werdende professionelle Aufführung in sehr kleiner Besetzung ist keine Pioniertat mehr, sondern gehört schon fast zum Alltagsgeschäft der Bach-Interpretation.
Aber gerade deswegen ruft es Begeisterung hervor, wenn es einem erfahrenen Interpreten wie Stephan MacLeod gelingt, mit höchst sorgfältig ausgewählten Musikerinnen und Musikern ein Ensemble zu formieren, das den „Beinahe-Normalfall“ einer entsprechend routinierten Darbietung nochmals deutlich überbietet. MacLeod selbst leuchtet voran in der fordernden Doppelaufgabe des Vokalisten und Ensembleleiters. Zur vokalen Leistung gehört nicht zuletzt auch die brillante Bewältigung der beiden in der Tessitura so verschiedenen Bassarien. Zu ihm gesellen sich hervorragende Sängerinnen und Sänger, die gerade auch in der heiklen Zwei-pro-Stimme-Besetzung der Chorsätze eine erstaunliche Homogenität zu erzeugen verstehen. Gemeinsam mit den gleichermaßen brillanten Instrumentalistinnen und Instrumentalisten bringen sie es zu einer geschmeidigen Eleganz und filigranen Transparenz des Klanges, die ihresgleichen sucht. Ein sachkundiges Aufnahmeteam trägt seinen Teil dazu bei, dass etwa auch die kreative Aussetzung des Continuo-Parts immer wieder gut hörbar ist. Und das Einfühlungsvermögen der Musizierenden in die Theologie des Werkes sorgt dafür, dass Schlüsselstellen wie das Ende des „Crucifixus“ sehr selbstverständlich und ungezwungen die Aussage-Intensität entfalten können, die ihnen der kompositorischen Idee gemäß zukommt. Diese Aufnahme ist ein weiteres Plädoyer dafür, dass man in der Musik der Barockzeit besetzungstechnisch keine qualitativen Kompromisse machen sollte, wenn man die Substanz eines Werkes eins zu eins erlebbar machen möchte: Bachs Musik ist eine Tonsprache für stilkundige Profis.

Michael Wersin, 01.05.2021



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