Bei dem Titel dieses völlig unbekannten großen Oratoriums von Händel wittern nicht nur "Handelians” eine Sensation - und das dürfen sie auch. Sie fallen dabei zugleich auf eine geschickte Marketingstrategie des 18. Jahrhunderts herein. Als Händel starb, konnte sich das Londoner Publikum nämlich nur schwer damit abfinden, dass es aus sein sollte mit den großen, nationale Identität stiftenden Oratorien aus der Feder des Hallenser Meisters. Doch John Christopher Smith der Jüngere - Schüler, Faktotum und Erbe Händels - wusste Rat: Er ließ sich von dem noch lebenden Librettisten Thomas Morell (er schuf u. a. "Judas Maccabaeus" und "Jephta") neue Oratorientexte schreiben, unterlegte sie mit Musik aus dem reichen Fundus der ererbten originalen Manuskripte und lockerte das Ganze durch einige modernere Stücke aus seiner eigenen Feder auf. Ganz so dreist, wie man denken könnte, war dieses Verfahren nicht: einmal hat Händel zu Lebzeiten selbst in großem Stil eigene und fremde Werke recycled und überdies lernten die Londoner so auserlesene Musik aus Händels Jugendzeit kennen: so etwa das Bahn brechend experimentelle "Dixit dominus" und die zu effektvollen Chören umgearbeiteten frühen Kammerduette.
Für den modernen Händel-Fan ist diese unerwartete Begegnung mit Altbekanntem in neuem Gewande sicher erfrischend, auch wenn dramaturgisch wenig mehr passiert als die chorstarke Verherrlichung des platten alttestamentarischen Superhelden Gideon. Leider leidet die redlich dirigierte Live-Aufnahme mit ihren durchaus erfreulichen Solisten jedoch an Unterspannung, auf die Dauer etwas zu unsauberer Intonation der beteiligten Ensembles sowie einer Aufnahmetechnik, die den Chor - anstatt ihm zu schmeicheln - zu oft in der dumpfen Tiefe des Kirchenraums verschmachten lässt.

Carsten Niemann, 21.08.2004



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