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The New Cool

David Helbock

ACT/Edel 1099272ACT
(54 Min., 8/2020)

Darüber, was der Begriff „cool“ im Jazz zu bedeuten hätte, stritten sich schon vor 70 Jahren in der Blütezeit des „Cool Jazz“ die Journalisten und Hörer. Dabei ist – mit etwas Distanz betrachtet – die Sache ganz einfach. Cool meint eine Coolness, wie man sie auch für Kleidung oder Sneaker verwendet, die jemand trägt und damit seine Kumpel beeindruckt. Cool, das war der Zwillingsbruder des Bebop, wobei die „Coolen“ etwas bedächtiger musizierten, die Cool-Bläser weitgehend ohne Vibrato intonierten und die Bands größere Passagen ihrer Stücke detailgenau arrangierten, während die Bebopper eher sprunghaft improvisierten.
Das „New Cool“, das der Pianist David Helbock mit dem Trompeter Sebastian Studnitzky und dem Gitarristen Arne Jansen ankündigt, knüpft an diesen „Cool Jazz“ an – aber mit beachtlicher Distanz zur Musik der Alt-Coolen Chet Baker, Gerry Mulligan, Shelly Manne, Shorty Rogers, Chico Hamilton, Jim Hall oder Jimmy Giuffre. Helbock und Kollegen leben in der Klangwelt der Gegenwart, die mehr mit Rock, Pop, Folk und sonstigen Spielarten der Popularmusik als mit dem Swing des Jazz zu tun hat. Das ist zu hören.
Mit Sebastian Studnitzky hat Helbock einen Trompeter neben sich, der seinem Ton viel Strömungsgeräusche der Luft beimengen und seine – in einigen Stücken elektronisch modifizierten Töne – nahezu vibratofrei setzen kann. Auch Arne Jansen bevorzugt für seine Soli eine harte, fast nachhallfreie Einstellung der Gitarre. Dem heutigen Zeitgeist entsprechend, klingen die tiefen Lagen des Flügels oft wie abgedämpft, während die Höhen eher funkeln.
Ähnlich wie im Cool Jazz der 1950er-Jahre bestimmten bedächtige Tempi die Kompositionen der Triomitglieder und die Coverversionen, darunter auch die Bearbeitung eines Chopin-Prelude. Ihre eigene „Hymn For Sophie Scholl“ erinnert sogar an Kirchenmusik. Einzig Matt Dennisʼ im Original swingende Ballade „Angel Eyes“ verwandeln sie in funky Nummer. Drei weitere Klassiker, Benny Golsons Jazzstandard „I Remember Clifford“, „I Feel Free“ der Rockband „The Cream“ und Cindy Laupers „Time After Time“ sind in den extrem verlangsamten Versionen kaum zu erkennen und wirken wie Eigenkompositionen, also cool und new.

Werner Stiefele, 03.04.2021



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