An Gesamteinspielungen der Mahler-Sinfonien herrscht nun wahrlich kein Mangel. Aber in dieser Form ist dieses 10 CD- und 4 Video-Blu-Ray-Paket tatsächlich eine Novität. Die Berliner Philharmoniker haben dafür Konzertaufnahmen aus den letzten zehn Jahren und mit immerhin acht verschiedenen Dirigenten ausgewählt und im Selbstverlag in einer schmucken Querformatbox veröffentlicht. Die ältesten Aufnahmen stammen von 2011 – mit Simon Rattle (8. Sinfonie) sowie Claudio Abbado und dem Adagio aus der unvollendeten 10. Sinfonie. Die jüngste ist von 2020 mit der Sechsten unter Kirill Petrenko. Nun gehören Mahlers Klangpanoramen mit ihrem verstörenden Leidensflackern, mit all der verzaubernd-idyllischen Behaglichkeit und den kühn aufgerissenen Horizonten natürlich schon lange zum Kernrepertoire der Berliner Philharmoniker. Dementsprechend kann man quer durch sämtliche Aufnahmen allein schon mit einer phänomenalen Durchleuchtung des orchestralen Gewebes punkten. Und in was für emotionale Abgründe man sich da elektrisierend und fesselnd vorwagt, ist nicht zuletzt in den Mitschnitten der 9. Sinfonie mit Bernard Haitink und eben in dem überwältigenden Abschiedsgesang ohne Worte zu erleben, mit dem Abbado und seine Ex-Berliner zu einem Klangstrom und Gedankenkörper verschmelzen. Das ist dann auch der ultimative Höhepunkt dieser Box.
Die Attacke, zu der Daniel Harding mit der 1. Sinfonie auch das schwere Berliner Blech animierte, entpuppt sich als optimaler Eröffnungstusch. Und bei der 2. Sinfonie bedient sich Andris Nelsons nach allen Regeln der Kunst gleichfalls des hundertköpfigen Luxusschlittens. Gustavo Dudamel und Simon Rattle sind als einzige Dirigenten gleich zwei Mal vertreten. Dudamel verleiht der Dritten leichtes amerikanisches Appeal und achtet bei der Fünften auf wohldosiertes Pathos. Bei Rattle entwickelt die 7. Sinfonie großen Zauber. Während die 8. Sinfonie nicht nur dank bestmöglicher chorischer Artikulation und orchestraler Transparenz begeistert, sondern mit bislang unerhörten Farben im Expressiven. Auch dagegen mögen die 4. Sinfonie mit Yannick Nézét-Séguin und die 6. Sinfonie mit Kirill Petrenko in ihrer eher „klassischeren“ Gangart etwas abfallen – aber den Ereignischarakter dieser in allen Belangen beeindruckend aufgemachten Box schmälert das so gar nicht.

Guido Fischer, 03.04.2021



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