Man sieht es an den vielen, mal grau, mal lila eingefärbten Libretto-Auslassungen: Der höchst vergnügliche Dreiakter „Ô mon bel Inconnu“ – „Oh, du mein schöner Unbekannter“ ist eine veritable französische Operette der jüngeren Bauart. Mit viel Text, aber nur einer Stunde allerköstlichster, sämig eingängiger Musik. Frivol, souffléleicht, boulevardesk, eine Ehekomödie mit wenig Personal und ohne Chor. So wie ihr Komponist Reynaldo Hahn gleich zwei für seinen genialen Schauspielpartner Sacha Guitry in der Hauptrolle schrieb, der wiederum die Libretti selbst verfasste. Und so kommt nach der ersten Hahn-Oper „LʼÎle du Rêve“ bei den Trüffelsuchern der Stiftung Palazzetto Bru Zane, die sich um die französische Musik des 19. Jahrhunderts, aber auch noch die der Années Folles nach dem großen Krieg bemühen, nun gleich dessen nächstes, bisher nie komplett eingespieltes Tonjuwel heraus. Bei dem es um die langweilige, aber bald wieder würzige Ehe eines Pariser Hutmachers geht. Der Trick des Stücks ist nicht neu: Auf seine pikanten Annoncen antworten ausgerechnet die eigene Frau (damals die wunderbare Arletty) samt frühreifer Tochter und dem in jeder Hinsicht unausgelasteten Stubenmädchen, die alle auch ein wenig Erotikprickeln verspüren wollen. In einer Villa in Biarritz kommt es zum witzsprühenden Showdown. Diese comédie musicale von 1933 funkelt sehr frisch, zumindest in dieser Fassung des stürmischen Samuel Jean am Pult des Orchestre National Avignon-Provence. Der komische Bariton Thomas Dolié ist Prosper, die in den letzten Jahren als Bru-Zane-Diva facettenreich aufblühende Véronique Gens seine sinnlich vibrierende Gattin Antoinette. Auch das übrige Klangpersonal hält die Lustmechanik galant-elegant am Quietschen.

Matthias Siehler, 03.04.2021



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