„Alcione“, fünfaktige Oper mit Prolog von Marin Marais, die letzte, 1707 uraufgeführte bedeutende Musiktheaterpremiere der Ära Ludwig XIV., ist bisher nur einmal aufgenommen worden. Und das ist über 30 Jahre her. Nun also, auch die Alte-Musik-Bewegung hat sich weiterentwickelt, war es höchste Zeit für eine neue Sicht auf dieses makellose Meisterwerk eines Gambisten, den damals noch kaum einer kannte. Und den nicht nur Jordi Savall mit seinem Soundtrack für den Film „Die siebte Saite“ wieder berühmt gemacht hat. Der katalanische Meisterspieler, Orchesterchef und Labelbesitzer konnte 2017 die traurige Liebesgeschichte von Alcione und Keux, die erst nach ihrem Tod als Eisvögel von den Göttern vereint werden, endlich an der Pariser Opéra-Comique selbst herausbringen. Auf die DVD mit etwas viel Blumenkinder-Ringelpiez statt barockem Faltenwurf warten wir noch, aber zum Glück ist jetzt der Soundtrack da. Und weil keiner Marais so gut kennt und ihn so federleicht zum Swingen bringt (Savall nennt ihn gar den Gershwin des Barock), ist das eine wunderbar leichtgewichtige, ja trotz des eher betrüblichen Sujets heitere Opernangelegenheit geworden. Das flufft richtig. Weil alles könnerisch besetzt wurde. Savall selbst hat aus den diversen Versionen die wohl repräsentativste zusammengestellt, vor allem mit wunderfeinen Tänzen wie der berühmten Chaconne, dem Matrosenfest und der tollen Gewitterszene. Und auch die idiomatische Besetzung ist ideal: Lea Desandre glänzt als unschuldsvoll klagende Alcione, Cyril Auvity ist immer noch als ihr Verlobter Keux das knäbische Ideal eines Haute-Contre-Tenors. Marc Mauillon ist dessen baritonweicher, trotzdem eifersüchtiger Freund Peleus, Antonio Abete tönt profund in den Bassrollen.

Matthias Siehler, 27.02.2021



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