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Human

Shai Maestro

ECM/Universal 0890670
(56 Min., 2/2020)

Wer fünf Jahre lang Pianist an der Seite des israelischen Bass-Virtuosen Avishai Cohen war, kann so etwas natürlich im Schlaf: Verschachtelte ungerade Metren zum Fliegen bringen, atemberaubende Unisoni in den Raum stellen oder bruchlos zwischen westlicher und nahöstlicher Melodik vermitteln.
Genau das ist auch auf dem inzwischen sechsten Album unter eigenem Namen zu vernehmen, das der israelische Pianist Shai Maestro nach seinem Ausstieg aus Cohens Band veröffentlicht. Aber diesmal ist vieles anders. An erster Stelle wäre die Hinzunahme des US-Trompeters Philip Dizack zu erwähnen, der Maestros Piano-Trio mit dem peruanischen Bassisten Jorge Roeder und dem israelischen Drummer Ofri Nehemya eine neue Dimension verleiht.
Dizack spielt sein Horn mit großem Understatement. Oft klingt es wie eine menschliche Stimme. Selbst, wenn Dizack die Töne wimmernd presst oder exotische Schalmeienlaute von sich gibt, geschieht das stets wohldosiert.
Diese Zurückgenommenheit bestimmt das Album auch dann, wenn der Trompeter gar nicht mit von der Partie ist und Maestro allein (im nachdenklichen „Compassion“ à la Bill Evans) oder im Trio (etwa in der zutiefst anrührenden Gospelnummer „Hank and Charlie“ im Angedenken an Hank Jones und Charlie Haden) agiert. Was aber nicht heißen soll, dass es sich bei „Human“ um eine Ansammlung trauter Balladen handelt. Im Gegenteil: In den Stücken aus der Feder des Bandleaders ist mächtig was los, da gibt es 13/8-Takt-Irrsinn („The Thiefʼs Dream“) genauso wie komplexe postboppige Themen im Zickzack-Kurs (im Klavier-Trompeten-Duett „GG“) und geradezu als schizophren zu bezeichnende Angelegenheiten wie „Prayer“, in dem ein völlig von der Leine gelassenes Schlagzeug wahlweise zu, über oder gegen eine Kirchenweise antrommelt.
Heftig geht es auch in der einzigen Fremdkomposition des Albums zu: Ellingtons „In a Sentimental Mood“ wurde gewissermaßen in dünne Scheiben geschnitten und danach eine Treppe heruntergeschmissen. Dennoch klingt das Ergebnis dank seines Souljazz-Grooves fast so entspannt wie eine Beatles-Bearbeitung von Brad Mehldau.
Und das ist es auch, was die Aufnahme ausmacht: Sie wirkt trotz der zweifellos vorhandenen Könnerschaft ihrer Protagonisten uneitel, bescheiden und verletzlich. Human eben, wie es schon der Albumtitel sagt. Zweifellos Maestros reifste Leistung bislang.

Josef Engels, 20.02.2021



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