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Vertigo

Jason Seizer

Pirouet/NRW PIT3107
(42 Min., 6/2018)

Mit einem Saxofon lassen sich wunderbare Geschichten erzählen. An Jason Seizers Lippen berichtet das Instrument von Haltungen und Gefühlen. Es spiegelt Zögern oder Drängen, und es wirkt sanft oder hart, verträumt oder bestimmt, gehaucht oder gepresst, atemreich oder staubtrocken, funkelnd oder spröde, sprunghaft oder linear, rotzig oder einschmeichelnd, gepresst oder offen, zerrissen oder kompakt, quietschend oder schnurrend. Seizers Ausdrucksskala ist so immens wie die der menschlichen Stimme.
Dabei verfügt der Tenorsaxofonist so selbstverständlich über diese breite Palette, dass der Nuancenreichtum seiner Tongebung die fünf live im Studio des Bayrischen Rundfunks aufgezeichneten Titel zu Erzählungen von kleinen und großen Gefühlen macht, zumal Pablo Held am Flügel sowie Jonas Westergaard und Fabian Arends an Kontrabass und Schlagzeug ähnlich schattierungsreich musizieren. Schon die einleitende Ballade „My Reverie“ wird zur gefühlvollen Träumerei, in denen Seizers schwingende, manchmal den Atem hörbar geschickt einsetzende Intonation und das sensible Spiel seiner Partner einen homogenen Klangorganismus bilden.
Ist es pianistischer Humor? Oder nur eine geschickt eingesetzte Assoziation? Pablo Held eröffnet jedenfalls die Quartettversion von Max Steiners Filmmusikthema „Camp By The Lake“ aus dem Western „The Searchers“ (Der schwarze Falke) mit Anklängen an Herbie Hancocks Improvisation „Succotash“, wobei Seizer das Thema vor seiner ausgedehnten Improvisation nur knapp anspielt und die Band jegliches Westernschmalz des Originals ignoriert. Seizers „Seizing“ ist durch seine knappen Melodien und das über weite Passagen pointilistische Ensemblespiel die passende, die Gefühlswelt hintergründig ergreifende Fortsetzung.
Dem „Jungle Beat“, das George Bruns für Walt Disneys „Dschungelbuch“ komponiert hat, verleiht die Band etwas mehr Druck als das orchestrale Original enthält. Auch im Titelstück „Streetcar“, das sich Alex North für „A Streetcar Named Desire“ einfallen ließ, unterstreichen sie das motorische Element. Zu guter Letzt transportieren sie in der dreiteiligen „Movie Suite“ Leonard Bernsteins mit einem Oscar ausgezeichnetes „On The Waterfront“ aus dessen Romantik in kraftvollen Jazz. Das „Vertigo Love Theme“, das Bernhard Herrmann für den Hitchcock-Klassiker „Vertigo“ verfasst hat, gestalten sie mit ihren Jazzmitteln in einem ähnlichen Zwiespalt aus Romantik und im Hintergrund drohender Gefahr. Schade, dass die CD mit spannungsgeladenen, brüchigen Klängen zu Ende geht. Es gibt noch viele Filmmusiken, die derart vielschichtig interpretiert werden könnten. Oder, anders gesagt beziehungsweise geschrieben: Fortsetzung erwünscht.

Werner Stiefele, 05.12.2020



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