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Palo Alto

Thelonious Monk

Impulse/Universal 0711285
(47 Min., 10/1968)

Was man über die Hintergründe dieser aus mehreren Gründen denkwürdigen Live-Aufnahme eines der größten Genies des modernen Jazz wissen muss, verrät eine Anekdote: Als der 16-jährige Schüler Danny Scher 1968 Plakate für das von ihm an seiner High School in Palo Alto organisierte Konzert mit Thelonious Monk aufhängen wollte, hielt ihn die Polizei an.
Und zwar nicht aus Sorge darüber, dass dem schmächtigen rothaarigen Jungen in dem seit der Ermordung Martin Luther Kings aufgeheizten schwarzen Stadtteil East Palo Alto etwas zustoßen könnte. Sondern vielmehr aus Furcht, dass sich womöglich Schwarze auf den Weg zur blütenweißen High School machen könnten, um dort Thelonious Monk zu hören.
Scher ließ sich von den Beamten nicht beirren. Und so kam es dazu, dass die vom Rassismus zerfressenen USA am 27. Oktober 1968 in einer Schulaula in Kalifornien für eine Dreiviertelstunde wirklich und wahrhaftig vereinigt waren – in der Musik von Monk. Und ja: Der Pianist und seine Mitstreiter Charlie Rouse am Tenorsaxofon, Larry Gales am Bass und Ben Riley an den Drums waren an diesem Sonntagnachmittag bestens aufgelegt.
Auf die beschleunigte und mit großartig-absonderlichen Klavierbegleitungen unterlegte Ballade „Ruby, My Dear“ folgten Monk-Klassiker wie „Well, You Needn't“, „Blue Monk“ oder „Epistrophy“ - stellenweise auf bis zu 13 Minuten ausgedehnt, weil die Musiker ihre Soli mit hörbarem Spaß und Mut zum Risiko ausgestalteten. Wie etwa Bassist Rouse, der sich an einer Stelle mit dem Bogen in einen wahren Rausch spielte und an einer anderen experimentierend die perkussiven Qualitäten der Saiten in Stegnähe überprüfte.
Der Bandleader vollführte mit „Donʼt Blame Me“ und der Kürzest-Zugabe „I Love You Sweetheart of All My Dreams“ im Alleingang liebenswerte Stride-Kunststücke und lief vor allem bei „Blue Monk“ zu großer Form auf. Dort stellte er mit Bass und Schlagzeug ein rhythmisches Katz- und Mausspiel an oder persiflierte mal Charlie Parker, mal sich selbst
Dass der Hausmeister der High School das Konzert mitschnitt und es nun nach 52 Jahren zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist in mehrfacher Hinsicht ein großes Glück: Es dokumentiert Thelonious Monk noch einmal auf der Höhe seiner Kunst, bevor er in den 1970ern nach und nach verstummte. Und es zeigt den wegen Corona und George Floyd wieder – oder immer noch – so schlimm zerrissenen USA im Jahre 2020, wie sich das anhört: Wenn man herzlich miteinander lacht und gemeinsam einer guten Sache applaudiert, unabhängig von Hautfarbe und Herkunft. Es ist der schönste Klang.

Josef Engels, 03.10.2020



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