Es kam schneller als gedacht, aber dass es kommen musste, das war natürlich klar. Denn obwohl Raphaël Pichon noch jung ist – der französische Leiter des Chor- wie Solistenensembles Pygmalion ist nicht nur sehr gut, sondern auch ehrgeizig. Und die sechs gesicherten Motetten Johann Sebastian Bachs sind für jedes A-cappella-Ensemble ein Meilen- wie Prüfstein. Zumal es Pichon auch wundervoll verstanden hat, seine multinationalen Sänger auf ein makelloses, aber auch unverkrampftes Deutsch einzuschwören. Und er ist bekannt für clevere wie überraschende Programme. So mixt er das berühmte Sextett mit ähnlich mehrstimmiger Musik von großen Vorgängern wie Giovanni Gabrieli, Jacobus Gallus und Vincenzo Bertolusi. Klar und direkt, licht und makellos intoniert erklingt gleich die erste Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“. Zu spüren ist selbst in diesem weltlichen Alben-Kontext Bachs unerschütterliche Glaubenskraft, die Raphaël Pichon, der diese Stücke seit seinem elften Lebensjahr selbst gesungen hat, ebenso glaubhaft verbal beschwört. Das Mysterium teilt sich unmittelbar mit, nicht nur die Schönheit und abstrakte Ewigkeit dieser alten Musik. Hier wird Klang gelebt und durchdrungen, nicht nur exekutiert. Und gleichzeitig stilistisch wunderbar gebrochen durch die Beispiele etwa der polyphonen italienischen Vorläufer wie Giovanni Gabrielis „Jubilate deo“. Bach selbst nahm sich solche Werke der venezianischen Mehrchörigkeit ja bewusst als Vorbild, denn sie waren gesammelt in dem auch ihm zugänglichen Kompendium „Florilegium portense“. Diese prallgefüllte CD ist also enorm gelungen und auch noch unaufdringlich lehrreich. So schön kann Didaktik klingen!

Matthias Siehler, 19.09.2020



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