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GO

Nils Wülker

Warner 9029520008
(44 Min., 2020)

Nils Wülker verstand sich schon immer als Teamplayer, der mehr an der stimmigen Umsetzung seiner durchdacht-melodiösen Kompositionen als an der Zurschaustellung seiner trompeterischen Fähigkeiten interessiert war. Mochte er sich auch seit seinem Wechsel zu Warner Music vor fünf Jahren dezidiert vom akustischen Hardbop-Combo-Spielideal seiner frühen Jahre in Richtung Pop-Produktionsästhetik verabschiedet haben, so unterstrich er mit der 2018 erschienenen Live-Aufnahme „Decade“: Da können die Alben noch so verfrickelt anmuten – sie lassen sich dennoch mühelos im Bandkontext auf einer Bühne reproduzieren.
Das ist beim zehnten Studioalbum des Wahl-Müncheners nicht mehr ohne Weiteres der Fall. Es habe ihn gereizt, Dinge auszuprobieren, die normalerweise nicht in das Aufgabenfeld der Trompete gehören, berichtet Wülker über die Arbeiten an „GO“. Herausgekommen ist dabei unter anderem eine Komposition wie „Blow Up“, die aus den Klängen von nicht weniger als 29 Trompeten besteht. Hier ein geklopftes Mundstück für den Beat, da ein komplex bearbeitetes Tonsignal als Akkordfläche.
Das Faszinierende ist jedoch: Bis auf die Melodiestimme ist keiner der Sounds eindeutig einer Trompete zuzuordnen; man käme nicht auf die Idee, dass das alles von einem einzigen Mann mit einem einzigen Horn stammt.
Auch wenn das Album sehr elektronisch klingt, mit verschiedensten Synthesizern, zeitgenössischen Soundeffekten (wie das virtuelle Instrument Output Exhale) oder programmiert wirkenden Gitarren- und Schlagzeugparts, die von Arne Jansen, Simon Gattringer, Oli Rubow, Albin Janoska und Maik Schott eingespielt wurden: „GO“ erscheint keinesfalls wie eine nerdige Bastelarbeit, sondern wie ein atmendes, körperwarmes Ganzes. Was sich Wülkers Trompete und Flügelhorn verdankt, die man den sensiblen Harmoniebefürworter im Rahmen seiner Studioarbeiten wohl noch nie so energisch und modulationsfreudig hat blasen hören.
Unfreiwillig wurde das schon in Vor-Corona-Zeit konzipierte Album zu einer Auseinandersetzung mit der Einsamkeit und den Ängsten während der Pandemie. Wülker machte das Beste daraus. Indem er zum Beispiel dem US-Kollegen Theo Croker mitten in der düstersten Lockdown-Zeit eine Duett-Aufnahme vorschlug. Das Ergebnis „Highline“, auf dem sich Wülker mit der gestopften und Croker mit der ungestopften Trompete durch einen Ozean getrennt die Solo-Bälle zuwerfen, hat geradezu therapeutische Qualität. Es erzeugt wie der Rest von „GO“ Mut, Hoffnung und ein Gefühl der Gemeinsamkeit im Angesicht eines unsichtbaren Feindes, der die Menschen trennt.

Josef Engels, 12.09.2020



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