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N° 1237
22. - 28.01.2022

nächste Aktualisierung
am 29.01.2022



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All Rise

Gregory Porter

Blue Note/Universal 0862053
(74 Min., 2019)

Mit wuchtigen Akkorden startet Gregory Porter mit „Concorde“ ins Album „All Rise“. Die Flughöhe von 60.000 Fuß beschäftigt ihn, das Überschalltempo, das energiezehrende Leben und die Sehnsucht nach einem erdverwurzelteren Dasein nach all den Jahren im Jet. Die Flughöhe sinkt, und bei 10.000 Fuß kann er es nicht mehr erwarten, vollends herunterzufallen. Meint er den Absturz, meint er die harte Landung? Das Pathos der Musik schwillt an, verdünnt sich, endet in einem lang anhaltenden Ton der Hammondorgel.
Gregory Porter hat den Höhenflug überlebt. In vierzehn weiteren Titeln zieht der 48-Jährige in seiner ersten großen Studioproduktion nach vier Jahren mit Streichern und einer üppig besetzten Band sowie Background-Stimmen eine Art Zwischenbilanz seiner Lebenserfahrungen und Ansichten. Die fasst er – anders als Ira Gershwin, Roger Hammerstein oder Cole Porter – in relativ nüchterne, unpoetische Worte. Das passt zu „Merchants of Paradise“, in dem er die Händler anprangert, die Kriegskinder verkaufen. Stehende Streichertöne, ein einfaches Bassmotiv, Woodblocks und an Militärmusik erinnernde Snarewirbel schaffen eine den düsteren Text spiegelnde Atmosphäre.
Etwas heiterer fällt „Mister Holland“ aus. Diese Hommage an einen – wohl weißen – Vater, der kein Problem darin sah, dass seine Tochter Rosie mit einem Schwarzen ausging. „Dad Gone Thing“, ein Erinnerungslied an den eigenen Vater, der einst die Familie verließ und seinem Sohn lediglich die Stimme vererbte, packt er in funky Soul mit Handclaps, Hammondorgel, Horns, Kneipenpiano, Background-Sängerinnen und dunklem Bass. Und warum muss er „When Love Is Overrated“ mit elegischen Streichern so bedeutungsschwer gestalten, anstatt dem Text eine humoristische Note zu verleihen? Immerhin folgt im Text gleich ein „let me be the one that is naive“! Das hätte sein Idol Nat King Cole anders gemacht.
Mit „All Rise“ wollte Gregory Porter zu viel. Oder er hat die falschen Produzenten ausgewählt, die seine Aufnahmen mit kleiner Band in mehreren Studios mit Bombast und Floskeln überfrachtet haben. Die hierbei entstandene Opulenz wirkt wie ein Sammelsurium aus Anspielungen auf dreißig bis fünfzig Jahre alte Meisterwerke aus Soul, Funk und Entertainment. Dieses Gewimmel aus Sounds übertüncht den Bariton eines Mannes, der eigentlich zu den besten Sängern im weiten Feld zwischen Jazz, Entertainment und Soul zählt.

Werner Stiefele, 05.09.2020



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