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Color of Noize

Derrick Hodge

Blue Note/Universal 0892625
(52 Min., 1/2020)

Blue-Note-Chef Don Was, der als Co-Produzent der dritten Einspielung von Bassist Derrick Hodge unter eigenem Namen fungierte, war schwer beeindruckt. So ähnlich müsse es wohl in den 1960ern bei den Sessions des legendären Tonmeisters Rudy Van Gelder zugegangen sein, urteilte Was über das Vorgehen von Hodge. Der hatte eine Gruppe von Musikern, die in dieser Konstellation noch nie zuvor gemeinsam gespielt hatte, ohne große Vorbereitung in die Aufnahmesitzung geschickt. Lediglich ein paar Melodieskizzen, die er am Klavier kurz angerissen hatte, gab der Mann aus Philadelphia den Kollegen mit auf den Weg.
Und spätestens hier hören die Parallelen zum Blue-Note-Jazz früherer Tage auf. Schließlich ist Hodge als Begleiter von Rappern wie Common, Soulsängern wie Maxwell oder Jazz-Weiterdenkern wie Robert Glasper viel zu breit aufgestellt, um ein einheitliches, klassisches Blue-Note-Album einzuspielen. Immerhin gibt es mit Wayne Shorters „Fall“ als einzige Fremdkomposition auf „Color of Noize“ einen Gruß in Richtung Vergangenheit. Aber auch der verweist ungeachtet des beachtlichen Klaviersolos von Jahari Stampley nicht in akustische Postbop-Gefilde, sondern lässt an Hip-Hop oder an eine aktualisierte Version des Fusion-Jazz von Weather Report denken.
Die Aufnahme wird ihrem Titel „Color of Noize“ insofern gerecht, dass es tatsächlich viele unterschiedliche stilistische und klangliche Farben gibt. So liebt es Hodge, der auch als Sänger, Keyboarder, Gitarrist und Percussionist in Erscheinung tritt, den Sound seines Hauptinstruments beständig zu verändern. Aus dem freundlichen E-Bass, dessen metallisch-wehmütige Kurz-Motive im Zentrum der meisten Stücke stehen, wird dann gerne mal ein verzerrt grollendes Monster oder ein rasanter Ferrari mit schizophren mehrstimmigem Motorengeräusch (etwa im Solo über „New Day“).
Ähnlich vielfarbig geht es bei den verwendeten Genres zu: Electro-Folk, der an Sänger wie Bon Iver erinnert („Looking At You“), ist da genauso vertreten wie ein bluesiger Walzer („You Could Have Stayed“) oder leicht weggetretener Kifferpop im Gefolge von Bass-Kollege Thundercat („19“).
Das Problem ist nur, dass sich die Stücke in Ermangelung eines größeren kompositorischen Rahmens oftmals im Kreis drehen. Und dann wird das „Noize“ im Albumnamen aufgrund der eigenwilligen Besetzung (zwei Keyboarder, ein DJ, zwei mächtig aufspielende Drummer) schnell zum unsubtilen Krach. Vielleicht sollte Hodge seine Mitmusiker demnächst wieder mit mehr Anweisungen versorgen. Denn dass er ein hervorragender Stückschreiber ist, beweist der Abschluss: Da spielt die 18-jährige Klavier-Entdeckung Jahari Stampley alleine Hodges Nummer „You Could Have Stayed“. In dieser reduzierten, schnickschnacklosen Version merkt man erst, was für ein schöner Song das ist.

Josef Engels, 15.08.2020



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