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Seeing Through Sound

Jon Hassell

Ndeya/Rough Trade NDEYA7CD
(39 Min., k. A.)

Er studierte unter Karl-Heinz Stockhausen, hob als Mitglied des Ensembles von Terry Riley bei der ersten Aufnahme von „In C“ 1968 die Minimal Music mit aus der Taufe und lernte klassischen indischen Gesang bei dem Meister Pran Nath. All das und noch vieles mehr hört man, wenn der 1937 in Memphis/Tennessee geborene Jon Hassell sein Horn zum Mund führt.
Der US-Amerikaner ist so etwas wie die Vaterfigur des elektronisch inspirierten Jahrtausendwende-Jazz aus Europas Norden und von Trompetern wie Nils Petter Molvaer oder Arve Henriksen. Wenn man es nicht genau wüsste, würde man „Seeing Through Sound“, den zweiten Teil der nach zehnjähriger Veröffentlichungsabstinenz 2018 gestarteten „Pentimento“-Serie, irgendwo in der Zeit um das Jahr 2000 herum verorten.
Der schleifende Dub-Rhythmus etwa, der dem achtminütigen Eröffnungsstück „Fearless“ zugrunde liegt, erinnert mit all den vor dem geistigen Auge vorbeiziehenden Bassklarinetten- , Gitarren und Geigen-Fragmenten an die vernebelten Morgenstunden in einer illegalen Bar im Post-Techno-Berlin. Und der Einsatz eines Klavier-Präludiums von Alexander Skrjabin als Textur-Grundlage für das Stück „Lunar“ lässt ein wenig an die 2005 gestartete „ReComposed“-Reihe der Deutschen Grammophon denken.
Das Faszinierende an den blubbernden, pulsierenden und irritierenden Klanginstallationen auf „Seeing Through Sound“ ist aber, was Hassell mit seiner Trompete macht. Wie ein Zauberkünstler lässt er sie verschwinden. Sie ist mal ein mehrstimmig säuselndes Phantom, das in der Atmosphäre schwebt, mal ein flötenhaftes Seufzen, oftmals fast nichts mehr als ein tonaler Lufthauch. Und selbst, wenn Hassell sein Horn nicht bläst und stattdessen nur Keyboard spielt, meint man, das verwehte Rufen einer Trompete zu vernehmen.
Der inzwischen 83-Jährige agiert gewissermaßen als Ariel und Prospero in einer Person: als weiser Luftgeist und als Architekt verwunschener Soundwelten jenseits von Zeit und Raum, die er gemeinsam mit Gehilfen wie Eivind Aarset, Rick Cox oder John Von Seggern an diversen Saiten-, Schlag- und elektronischen Manipulations-Instrumenten erbaut. Man hört ihm immer noch äußerst gespannt zu.

Josef Engels, 08.08.2020



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