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São Paulo Panic

São Paulo Panic

Berthold Records – Cargo/375 Media 00140245
(49 Min., 1/2020)

Der Auslöser dieser Panik war zum Glück rein akademischer Natur: Auf der Jazzahead-Messe 2019 in Bremen leitete die brasilianische Sängerin Dani Gurgel ein Panel über die Sprache des Jazz und die ihr innewohnenden Möglichkeiten, Musizierende unabhängig von ihrer Nationalität miteinander kommunizieren zu lassen. Aus dieser Diskussionsrunde erwuchs ein Sextett mit Mitgliedern aus vier verschiedenen Ländern, die sich Januar 2020 im Studio von Gurgel und Schlagzeuger Thiago Rabello in São Paulo trafen, um die Theorie in die Praxis umzusetzen.
Ein Vibrafonist aus Dänemark (Martin Fabricius), ein Gitarrist aus Israel (Tal Arditi), ein Saxofonist aus Deutschland (Timo Vollbrecht) und ein Rhythmusgespann aus verschiedenen Teilen Brasiliens (Drummer Rabello und E-Bassist Frederico Heliodoro) – das alles hätte leicht in die Hose gehen können, umschreibt Sängerin Gurgel die titelgebende Panik am ersten Aufnahmetag.
Nun: Dass erfahrene Improvisationsmusiker brauchbare Ergebnisse hervorbringen, ohne einander groß zu kennen, sollte keine Überraschung sein. Was im Fall von São Paulo Panic dann aber doch erstaunt: Wie mühelos das Sextett zu einem wiedererkennbaren Bandsound gefunden hat. Andere Gruppen arbeiten jahrelang an so einer Chemie.
Hier aber vermischen sich modern gedachte Samba-Rhythmen und Bossa-Wendungen vollkommen natürlich mit europäischer Zurückhaltung und Klangsensibilität, haken sich krummtaktig beim Fusion-Jazz unter oder führen zu einer Art von Kammer-Stadionrock, zu dem man sofort die Feuerzeuge zücken möchte.
Vielleicht liegt das Geheimnis von São Paulo Panic darin, dass man einander genau zuhört und das perfekte Verhältnis zwischen respektvoller Distanz und leidenschaftlichem Miteinander gefunden hat. Wenn die Instrumentalisten zu Soli ausholen, die je nach ihrem Temperament hochvirtuos flüssig (Gitarrist Arditi), nachdenklich sparsam (Vibrafonist Fabricius) oder elegant timingstark (Saxofonist Vollbrecht) sind, wird die Begleitung bewusst ausgedünnt. Da redet keiner rein, sondern überlässt es oft bloß dem Bass und dem Schlagzeug, dem Improvisator reizvolle Denkanstöße zu geben.
Sängerin Gurgel fungiert dank ihrer Spezialität, einer eigenen Art des Scats, als Vermittlerin und Übersetzerin. Sie doppelt summend Melodielinien, reichert ploppend oder kieksend Klanghintergründe an, und singt Lieder in ihrer Muttersprache, mädchenhaft charmant und dabei klar akzentuiert. In einem dieser Songs, „Depois“, geht es um positive Erinnerungen. Und genau diese vermittelt auch die gesamte Aufnahme: der Gedanke daran, wie gut es tut, dem spontanen Zusammentreffen von Musikern beiwohnen zu dürfen. Ein Gefühl des Glücks, das man im panikreichen Jahr 2020 fast vergessen hätte.

Josef Engels, 01.08.2020



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