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Wild Life

Markus Stockhausen

OKeh/Sony 0190759863329
(175 Min., 1/2018) 3 CDs

Vor genau 50 Jahren erschien Miles Davisʼ berühmtes Doppelalbum „Bitches Brew“. Dass Markus Stockhausen just jetzt ein im Kern vergleichbares Dreifachalbum veröffentlicht, mag Zufall sein. Ähnlichkeiten lassen sich jedoch nicht von der Hand weisen: Hier wie da versammelt ein visionärer Trompeter eine Band zum Jammen im Studio, hier wie da vernimmt man das ostinate Pulsieren des Rock, das unter anderem mit exotischem Instrumentarium wie Tablas angereichert wird, hier wie da löst sich das Zeitempfinden des Hörers irgendwann komplett auf.
Dann zeigt „Wild Life“ aber auch sehr deutlich, was sich im vergangenen halben Jahrhundert seit der „Bitches Brew“-Initialzündung getan hat. Zum einen erlaubt die moderne Elektronik, derer sich Markus Stockhausen und sein Halbbruder Simon lustvoll bedienen, ein viel größeres Klangspektrum. Atemgeräusche werden rhythmisiert und exotische Vogelstimmen emuliert. Einmal, in „Dorsch“, verwandelt sich ein gregorianischer Cyber-Mönch sogar in einen lachenden Pan. Was natürlich alles perfekt zum Albumtitel passt.
Zum anderen sind es die heutigen Musiker gewohnt, in freier Wildbahn viel entspannter miteinander zu kommunizieren als die Pioniere. Weil ihnen nach den Jahrzehnten der Annäherung zwischen Jazz, Klassik, U- und Weltmusik ein ungleich größeres Arsenal an Formulierungsmöglichkeiten zur Verfügung steht. Das zeigt sich auf „Wild Life“ immer wieder, von den geisterhaften Gongschlägen des Beginns von „Session One“ bis hin zu dem mit Anfeuerungsrufen versehenen Dub-Reggae „Flussaufwärts“ 175 Minuten später.
Sorgte einst die Schnittkunst von Teo Macero dafür, dass die harmonisch einigermaßen monotonen „Bitches Brew“-Jams zu einer chaotisch-aufregenden Collage wurden, so haben die beiden Stockhausens an Trompete, Sopransax und Electronics, Pianist Florian Weber, Cellist Jörg Brinkmann, E-Bassist Michelangelo Flammia sowie die Schlagzeuger Christian Thomé und Bodek Janke keine Probleme mit der Ausgestaltung langer Ad-hoc-Erzählbögen.
Man muss dazu wissen: Die knapp drei Stunden Musik auf den drei CDs entstanden innerhalb von zwei Tagen ohne vorhergehende strukturelle Absprachen. Und auch nachträglich wurde bis auf gelegentliche Kürzungen nichts Maßgebliches verändert. Da erstaunt dann schon, wie strukturiert und fein abgestimmt die bis zu 29 Minuten langen Spontan-Epen des Septetts klingen.
Wer sich fragt, was sich hinter dem Begriff „Intuitive Musik“ verbirgt, den Stockhausen der einengenden Genrebezeichnung „Jazz“ vorzieht, wird hier bestens aufgeklärt. „Wild Life“ ist eine Expedition in den Dschungel der Möglichkeiten, die „Bitches Brew“ eröffnete – mit aufmerksamen Scouts, die begehbare Schneisen in das elektroakustische Dickicht schlagen und ihrem Herzen als Kompass folgen.

Josef Engels, 25.07.2020



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