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The Eddy (OST from the Netflix Series)

Glen Ballard, Randy Kerber

Milan Records/Sony 19439773272
(69 Min., k. A.)

Wer die Filme des oscarprämierten Regisseurs Damien Chazelle kennt, weiß um seine musikalischen Vorlieben: Big-Band-Jazz à la Don Ellis wie in „Whiplash“, melodiösen Hardbop mit einem gehörigen Schuss Broadway-Nostalgie wie in „La La Land“.
Vor diesem Hintergrund ist es dann auch wenig erstaunlich, dass der Soundtrack der von Chazelle mitbetreuten Netflix-Serie „The Eddy“ kompositorisch aus einer gut nachempfundenen Jazzvergangenheit schöpft: Gesangsnummern wie „Open to Persuasion“ klingen wie eine Mischung aus Standards wie „Night and Day“ und „Makinʼ Whoopee“, während Instrumentals wie „East Paris“ eindeutig mit Duke Ellingtons „Caravan“ verwandt sind.
Die lockere Anverwandlungskunst kommt nicht von ungefähr: Schließlich handelt es sich bei den Komponisten Glen Ballard und Randy Kerber um hollywood- und popzirkuserprobte Musiker, die unter anderem Michael Jackson, Frank Sinatra, „Titanic“ oder „Star Wars“ in ihren Lebensläufen stehen haben.
Der Clou ist aber: Die Stücke des von Pianist Kerber angeführten multinationalen Sextetts, die man auf dem Album hören kann, wurden nicht brav in einem Studio aufgenommen. Sondern live, mit laufender Kamera beim Dreh der Serie. Denn bei „The Eddy“, in dem es um einen Pariser Jazzclub geht, ist die Musik nicht schmückendes Beiwerk, sondern steht in jeder Hinsicht im Zentrum. Sie gibt den nervösen Takt vor, mit der die Handkamera die Musizierenden auch außerhalb der Bühnensituation verfolgt, sie ist so roh und unmittelbar wie die Atmosphäre der Serie, die viel mit der Authentizität von „The Wire“ und so überhaupt gar nichts mit den gängigen Paris-Klischees amerikanischer Filme zu tun hat.
Gewiss ließe sich einwenden, dass die gute Sängerin und exzellente Schauspielerin Joanna Kulig in den Höhen zuweilen etwas dünn wirkt und dass man einige der starken musikalischen Äußerungen aus dem Pariser Schmelztiegel jenseits des Jazz-Mainstreams vermisst, die in der Serie zu hören sind. Immerhin gibt es einen gleichermaßen kurzen wie coolen Beitrag des französisches Rappers Sopico („Au Milieu“).
Trotz der kleinen Abstriche ist auch auf dem Tonträger zu spüren, was für ein Meilenstein „The Eddy“ ist. Was Bertrand Tavernier und Herbie Hancock einst mit „Round Midnight“ fürs Kino gelang, geschieht hier nun zum ersten Mal im Streamingzeitalter: Der Jazz wird zum adäquaten Erzählprinzip für das Serien-Medium. Gerne mehr davon.

Josef Engels, 18.07.2020



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