Responsive image

In Geometry (Jazz Thing Next Genereation Vol. 83)

Claire Parsons

Double Moon/in-akustik 05712778
(36 Min., 2020)

Räumlichkeiten, Symmetrien, Entfernung und Nähe – all das spielt auf verschiedenste Arten eine Rolle in den kunstvollen Linien- und Flächenanordnungen des Album-Debüts der Sängerin und Komponistin Claire Parsons.
Das fängt schon mit der Zusammensetzung von Parsons Quintett an, dessen Mitglieder luxemburgische, französische, israelische oder im Fall der Bandleaderin britische Wurzeln haben. Und setzt sich fort in der eleganten Art, wie Parsons, Gitarrist Eran Har Even, Pianist Jerome Klein, Bassist Pol Belardi und Schlagzeuger Niels Engel auf „In Geometry“ elegant Linien und Kurven zwischen stilistisch vermeintlich weit voneinander entfernten Punkten zeichnen.
Wiederkehrendes Erkennungsmerkmal ist Parsons Faible für chorische Schichtungen, die den Gesang gewissermaßen dreidimensional werden lassen. Das klingt freilich immer ein bisschen anders. In der Eröffnungsnummer „Vertex“ hören sich die vocoderartigen Frauenstimmen an wie nachdenkliche Androiden aus „Blade Runner“, in „Line. Dot. Curve.“ fühlt man sich an Bobby McFerrins vokale Versuchsanordnungen erinnert, während Teile des folkigen „Pyramid“ in Richtung der schwedischen A-cappella-Institution The Real Group verweisen. Nicht zu vergessen der Albumabschluss, der als muntere Country-Nummer beginnt und im nachgeschobenen Hidden Track nonverbal mehrstimmig in einer Kirche endet.
Neben Parsons souveränem, an Pop-Intimität wie an den Reibungen der Jazz-Akkordik gleichermaßen geschultem Gesang ist es vor allem das exzellente Raumgefühl der luxemburgisch-britischen Künstlerin, das zum Verweilen in ihrer Welt einlädt.
So setzt sie die Fülle geradezu hymnischer Momente geschickt in das rechte Verhältnis zu Augenblicken der aufgeräumten Leere. Da verzichtet sie dann auch mal aufs Singen und hört als Komponistin zu, wie Gitarre und Klavier ihre Musik für einen imaginären französisch-italienischen Film mit leichter Hand dahintupfen. Vor so viel geometrisch ausgewogener Noblesse kann man nur seinen Hut – beziehungsweise Zylinder – ziehen.

Josef Engels, 11.07.2020



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Was erlauben Patricia Kopatchinskaja? Mit Vivaldi hat dieses Album jedenfalls herzlich wenig zu tun, zumindest mit jenem barocken Konzertvielschreiber- und Vier-Jahres-Zeiten-Vivaldi, dessen Klangsprache man mittlerweile doch recht gut zu kennen glaubt. Zwar spielt die exzentrische, das Risiko liebende, nie Gewöhnliches abliefernde Geigerin auf „Whatʼs next, Vivaldi?“ offiziell dessen Solokonzerte – doch wie bitte tut sie das!? Die Tempi sind aberwitzig schnell, als ginge es um Rekorde. […] mehr »


Top