home

N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Responsive image

To The Earth

Dinosaur

Edition/Membran EDN1154
(41 Min., 10/2019)

Da sage noch einer, Dinosaurier könnten sich nicht weiterentwickeln! Zumindest das britische Quartett gleichen Namens tritt im zehnten Jahr seines Bestehens den Gegenbeweis an. Die Formation um die Trompeterin Laura Jurd hat für ihr drittes Album jedenfalls die meisten elektronischen Gerätschaften aus dem Studio verbannt und pflegt nun einen überraschend akustischen Sound.
Dieser weist vordergründig so starke Verbindungen zum etablierten Jazzkanon wie noch nie in der Geschichte der Band auf: Pianist Elliot Galvin klingt stellenweise wie Horace Silver (etwa im Titelstück „To the Earth“ oder im boogaloohaften „Banning Street Blues“), Conor Chaplin, der von E- zu Kontrabass gewechselt ist, zeigt mit seinen lakonisch-bedrohlichen Ostinati, dass er Charles Mingus kennt.
Und Jurd, die neben Trompete und Flügelhorn auf der Aufnahme auch das posaunenartige Tenorhorn spielt, lässt hier und da Growls und Dämpfungseffekte vernehmen, die auf die Ellington-Männer Bubber Miley und Cootie Williams deuten. Dieser Verweis auf die Frühzeit des Jazz zeigt sich besonders deutlich in der einzigen Fremdkomposition des Albums, Billy Strayhorns „Absinthe“. Die Dinosaur-Version schrammt haarscharf an der Parodie vorbei und landet irgendwo zwischen Kurt Weill und Tom Waits.
Es ist die große Kunst des Quartetts, dass sich das beständige Augenzwinkern seiner Mitglieder nie in eine Grimasse der Albernheit verwandelt. Jurd spielt ihre Soli und aufgekratzt-sprunghaften Themen mit gesanglicher Wärme und subtilem Witz so wie eine Kreuzung aus Lester Bowie und einer schwermütigen Folksängerin mit nahöstlichem Migrationshintergrund, während der gelegentlich zum Synth als Geschmacksverstärker für Bassläufe und Melodien greifende Galvin sowie Drummer Corrie Dick eine Liebe zum Slapstick offenbaren.
Ein gutes Beispiel dafür ist das Stück „Mosking“, in dem der Pianist Akkorde wie Wasserbomben von der Tastatur herunterwirft und der Schlagzeuger sein Solo so klingen lässt wie irgendetwas, das aus Versehen in eine Waschmaschine beim Schleudern geraten ist. Dabei handelt es sich jedoch nie um billige Witzchen, sondern um musikalische Notwendigkeiten.
Die größte Ironie des Albums liegt freilich woanders: Nämlich in dem Umstand, dass sich das famose Quartett ein Stück weit neu erfindet, indem es sich zum guten alten Jazz bekennt. Dem sagt man schließlich schon lange voraus, dass er bald aussterben werde.

Josef Engels, 04.07.2020



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Der Beginn ist bekanntlich eine sehr delikate Phase. Womit also fängt man an, als junges Klaviertrio, die ersten Schritte machend auf dem diskografischen Karriereweg? Das Silver Trio hat für sein Album-Debüt Beethoven, Rachmaninow und Bernstein ausgewählt. Eine durchaus merkwürdige Kombination, nicht weil man Musik verschiedener Epochen nicht auf einer CD vereinen dürfe – ganz im Gegenteil, so machen es viele Ensembles teils mit großem Erfolg. Da einem aber irgendwie keine Verbindung […] mehr


Abo

Top