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Möbius Strip

Heinrich von Kalnein

Natango Music/Galileo MC NAT47620-2
(91 Min., 9/2016–6/2019) 2 CDs

Wenn man etwas über Heinrich von Kalneins Experimentierfreude, Entdeckungslust und Meriten als Hochschulprofessor erfahren will, kann man sich in dem langen Wikipedia-Eintrag informieren, der dem in Baden-Baden geborenen und in Österreich lebenden Saxofonisten gewidmet ist. Noch einfacher und aufschlussreicher ist es freilich, sich das Doppelalbum anzuhören, das sich von Kalnein zu seinem 60. Geburtstag am 4. Juli spendiert hat.
Dessen erster Teil besteht aus einer verrückt klingenden Idee: Im Studio des Pianisten Joachim Kühn auf Ibiza hatte der Saxofonist zunächst eine Reihe von Soloimprovisationen aufgenommen. Im Nachgang lud er die Bassistin Gina Schwarz und den Drummer Lukas König ein, diese Alleingänge zu begleiten.
Umgekehrt geschieht es ja vor allem bei eher poppigen Produktionen öfter, dass ein Solist zu einem bereits fertigen Backing Track einer Rhythmusgruppe spielt. Aber von Kalneins Versuchsanordnung birgt eine enorme Herausforderung für Bass und Drums, weil die Verhältnisse auf den Kopf gestellt sind und man auf Unerwartetes reagieren muss.
Wenn man dann noch erfährt, dass die Tonspuren von Schwarz und König im Großen und Ganzen first takes sind, muss man den Hut ziehen. Diese raue Konversation, die die drei da auf CD 1 pflegen, hört sich lebensecht und an keiner Stelle virtuell an. Was sich auch der Schlüssigkeit und inneren Logik der Soloimprovisationen des Saxofonisten verdanken mag. Dass das Trio auch wunderbar funktioniert, wenn es bei vier Nummern tatsächlich gemeinsam im Studio steht, verwundert dann nicht.
Widmet sich der erste Teil des Doppelalbums dem vollen Risiko des Impromptus, konzentriert sich der zweite Teil auf das Kompositorische. Aber auch da zeigt von Kalnein seinen Sinn fürs Unorthodoxe, indem er mehr oder minder ausschließlich sein Leib- und Magen-Instrument sprechen lässt: und zwar in Form des Saxofon-Quartetts, das er gemeinsam mit seinen Studierenden am Jazzinstitut der Kunstuniversität Graz ins Leben gerufen hat.
Punktuell um die Synthesizersounds von Uli Rennert erweitert, präsentieren sich Jaka Arh am Sopran, Jonathan Herrgesell am Alt, Christina Miguel Martinez am Tenor und von Kalnein am Bariton als eingeschworene Einheit mit einem vollmundigen Gesamtklang und großer Liebe für die prominenten Saxofone der Jazzgeschichte. Man hört die Four Brothers, man hört das World Saxophone Quartet, man hört Big-Band-Bop, Tango Nuevo oder meditative Klangschichtungen – und immer wieder John Coltrane. Mal in einem tollen, zwischen Flamenco und Afro changierenden Arrangement von „Blue Train“, mal versteckt in der von Rennert geschriebenen Suite „3-4-5“, in der Tranes „Countdown“-Solo verwoben wurde.
Und so gelingt Heinrich von Kalnein mit seiner Geburtstagsveröffentlichung ein zum Titel „Möbius Strip“ passendes physikalisches Kunststück: Er schaut gleichzeitig scharf nach hinten und kühn nach vorn.

Josef Engels, 27.06.2020



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