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Spring

Menzel Mutzke

Mutterkomplex/Edel 1017328MTU
(48 Min., 5/2019)

Als Mitglied der umtriebigen Brass-Band Moop Mama ist es Menzel Mutzke eigentlich gewohnt, partymusikalisch Krach zu schlagen. Auf seinem Debütalbum zeigt sich der 1984 geborene Trompeter allerdings von einer gänzlich anderen Seite: als Advokat einer speziellen Linie in der europäischen Jazzauffassung der 1970er- und 1980er-Jahre, die durch Exponenten wie die Trompeter Ack van Rooyen und Kenny Wheeler oder den Pianisten John Taylor kultiviert wurde.
Mit einem höchst lyrischen Grundton aktualisierten diese Musiker die Entrücktheit des Cool Jazz und statteten ihn mit raffinierter Melancholie aus. Genauso macht es jetzt auch Mutzke, der bei van Rooyen Unterricht hatte, mit seinem Quartett, zu dem unter anderem der Taylor-Schüler Pablo Held am Klavier gehört: Die Kompositionen auf „Spring“ mögen einen entspannten After-Hours-Grundton haben, leben aber von lauter anregenden Details. Hier ein charakteristisches Melodiesegment, das immer wieder im Laufe eines Stücks aktiviert wird, da ein steter Wechsel des rhythmischen Pulses, den Bassist Dietmar Fuhr und Schlagzeuger Silvio Morger mit großer Lässigkeit inszenieren.
Und oft fühlt man sich an Vertrautes aus dem klassischen Kanon des Jazz erinnert – so scheint in der Nummer „Ceylon“ beispielsweise Bill Evansʼ Klavierintro von „So What“ wie ein freundlicher Geist zu spuken. Aber auch wenn Pianist Held wunderbar den sanften Farbenrausch von Evansʼ Akkordmalerei heraufzubeschwören weiß – Mutzke gibt dazu nicht den Miles Davis. Sein Ton ist bei aller flügelhornwattierten Nachdenklichkeit klar, direkt und unbeirrt. Was er spielt, wirkt alternativlos – auf eine gute Art.
Dass sich Mutzkes berühmter Bruder Max als Gastsänger bei zwei Stücken – der poppigen Trauerbewältigungsballade „You Are All Around Me“ und dem Standard „My Funny Valentine“ – als souliges Reibeisen zum Quartett hinzugesellt, war wohl eine Frage der Familienehre. Wenn es dazu führt, dass der Trompeter Mutzke eine größere Zuhörerschaft für seine Musik erhält, dann ist das umso besser.

Josef Engels, 13.06.2020



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