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Secrets Are The Best Stories

Kurt Elling

Edition Records/The Orchard – Bertus EDN1151
(54 Min., k. A.)

In ihrem jeweiligen Gebiet zählen sie zu den gewichtigsten Stimmen der Jazz-Gegenwart: Gesangspoet Kurt Elling und Pianist Danilo Pérez. Und wie um den gegenseitigen Respekt zu unterstreichen, beginnen und beenden sie ihre erste Album-Zusammenarbeit allein – am Anfang von „Secrets Are The Best Stories“ sprechsingt der Bariton unbegleitet die ersten Zeilen seines Liedgedichts „The Fanfold Hawk“, zum Abschluss der Aufnahme spielt der Pianist aus Panama solo einen nicht minder lyrischen „Epílogo“.
Diese Alleingänge unterstreichen nur noch deutlicher, was für eine starke, geglückte Kombination die beiden im Zusammenspiel sind, das man als „Kammer-Latin“ bezeichnen könnte. Unterstützt von Bassist Clark Sommers sowie den wechselnden Rhythmuspartnern Jonathan Blake, Rogério Boccato und Román Diaz an Drums und Percussions erweisen sich Elling und Pérez als großartige Geschichtenerzähler.
Da wäre etwa die Story des alten Mannes aus dem zweiten Stock, deren ganze Tragik sich durch einen Wohnungsbrand entfaltet („Stays“). Oder das Schicksal einer Familie, die durch eine dramatische Flucht auseinandergerissen wird („Beloved“, mit einem aufwühlenden Gastauftritt von Altsaxofonist Miguel Zenón). Man hängt förmlich an Ellings Lippen, wie er die Vorkommnisse nuanciert in herzzerreißende Dokumentarfilme fürs Kopfkino verwandelt und dabei komplexe Melodiefügungen so aussehen lässt wie alltägliche Umgangssprache.
Und dann erst Pérez, der es als verlässlicher Partner von Wayne Shorter gewohnt ist, Unsagbares in eine pianistische Form zu gießen. Es ist durch und durch faszinierend, wie er sämtliche Seelenregungen in den von Elling vorgetragenen Texten zu Klang werden lässt. Den Tumult eines Feuerwehreinsatzes. Den Flügelschlag eines Schmetterlings. Das jammervolle Bild eines Vaters und seiner Tochter, die bei der Flucht aus Mexiko im Rio Grande ertrunken sind.
„Song of the Rio Grande“ ist sicherlich der erschütterndste Song auf „Secrets Are The Best Stories“. Und das auch deshalb, weil er seine Anklage („America, youʼve lost your heart, America, youʼve lost your mind”, singt Elling schizophren mehrstimmig) sanft und über weite Strecken kontrolliert formuliert. Dass da aber etwas heillos kaputt ist, artikuliert sich in Pérezʼ präpariertem Klavier, das klingt wie ein Salon-Piano aus dem Wilden Westen, das ein wahnsinniger Cowboy mit einem Kugelhagel durchsiebt hat.
Und auch wenn die Stücke auf dem Album die unterschiedlichsten Herkünfte und Inspirationsquellen aufweisen, Autorinnen wie Toni Morrison, Dichter wie Franz Wright, Sangeskolleginnen wie Sidsel Endresen oder Kompositionslieferanten wie Jaco Pastorius und Wayne Shorter, sind sie doch auf geheimnisvolle Weise verbunden. Sie erzählen alle auf ihre Art von heute. Und man kann einfach nicht weghören.

Josef Engels, 25.04.2020



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