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„Satin Doll“

Sam Gendel

Nonesuch/Warner 7559792215
(45 Min., k. A.)

Schaut man sich die Stückauswahl dieses Albums an, könnte man auf falsche Gedanken kommen. Lauter altbekannte Ware wie „Stardust“, „Freddie Freeloader“ oder „In a Sentimental Mood“ findet sich da verzeichnet. Doch der kalifornische Saxofonist Sam Gendel ist definitiv kein Neo-Konservativer, der sich nostalgischen Gefühlen mit sanftem Schmelz hingibt.
Für ihn sind die altehrwürdigen Kompositionen nach eigenen Worten eher so etwas wie Gebrauchtwagen, die er gemeinsam mit dem Elektro-Percussionisten Philippe Melanson und dem Bassisten Gabe Noel für den Gebrauch in der Gegenwart aufpimpt.
Wichtigstes Erkennungszeichen dieser Überarbeitung ist die Modifikation des Saxofonsounds. Nur an ganz wenigen Stellen auf „Satin Doll“ hört man mal so etwas wie den Naturklang des Instruments. Gendel setzt konsequent auf Manipulationsmöglichkeiten, die aus seinem Saxofon einen nachdenklichen Androiden machen. Dieses eigentümliche Wesen wehklagt wabernd oder seufzt sonor, oft summt es auch mehrstimmig vor sich hin – Stücke, die es auf Schallplatten gefunden hat, die in einem Müllhaufen am anderen Ende der Galaxis verstreut herumlagen.
„Satin Doll“ etwa, das so unendlich langsam vom Sax-Roboter und seinen Mitstreitern an vorsintflutlichem Videospiel-Schlagwerk und dumpf herumschlendernden E-Bass interpretiert wird, als ginge ihnen allen der Saft aus. Oder „Goodbye Pork Pie Hat“, in dem sich unversehens eine Computerstimme zu Wort meldet und wie ein weiblicher Avatar aus „Blade Runner“ Joni Mitchells Text singt.
Es ist ein eigenartiges Album, das einem durchaus auf den Nerv gehen kann, wenn die Rhythmen und die Sounds gar zu zerfasert und beliebig werden oder die Bearbeitungen, wie etwa bei „Stardust“, fast schon parodistisch wirken. Es gibt allerdings auch Nummern, die für Aha-Momente sorgen – „Freddie Freeloader“ oder „Afro Blue“ funktionieren ziemlich gut in dieser comichaften Parallelwelt irgendwo zwischen Retrojazz, Chip-Werkstatt und Hip-Hop-Extravaganz.
Dass sich mit „Cold Duck Time“ auch ein Stück von Eddie Harris auf dem Album befindet, dürfte kein Zufall sein. Schließlich war Harris in den 1960er-Jahren der erste namhafte Jazz-Saxofonist, der mit Effektgeräten arbeitete. In dieser Pioniertradition steht auch Sam Gendel. Bleibt abzuwarten, ob sich seine Vision eines neuen Saxofonklangs durchsetzt.

Josef Engels, 18.04.2020



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