Auf der Suche nach atmosphärischen Sujets haben die barocken Opernlibrettisten eine große Findigkeit bewiesen: Freilich taugen die Textbücher nicht für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den dahinterstehenden realen historischen Begebenheiten, aber zumindest eine Art „Whoʼs who“ der antiken Weltgeschichte sind sie allemal. Die vorliegende Sammlung von Szenen und Arien aus Opern von Vivaldi, Hasse und Gluck kreist um eine Kleopatra, die eben nicht die bekannte ägyptische Königin ist, sondern die Tochter von Mithridates VI., König des kleinasischen Pontos, und spätere Ehefrau des armenischen Königs Tigranes II. Der norditalienische Librettist Francesco Silvani, im Hauptberuf Abt, hat diesen historischen Stoff für ein Libretto verwendet, das sich offenbar beachtlicher Beliebtheit erfreute und von zahlreichen Komponisten vertont wurde. Allerdings scheinen neueren Forschungen gemäß zumindest Vivaldis und Hasses „Tigrane“-Opern (anders als im Beiheft zu dieser CD behauptet) gar nicht direkt auf Silvanis Libretto, sondern auf Adaptionen des Sujets von anderen Librettisten zu beruhen. Dieser Umstand schmälert freilich nicht die Qualität der Musik als solche, und es darf konstatiert werden, dass das wohlausgewählte Programm dieser CD eine Menge hörenswerte Musik von hochbarocker bis zu frühklassischer Opernkunst bereithält. Für die Zusammenstellung des Programms ist die Sopranistin Isabel Bayrakdarian selbst verantwortlich: Womöglich inspiriert durch ihre armenischen Wurzeln hat sie schon zu Studienzeiten Interesse am Tigrane-Stoff gefasst und die Geschichte seines Auftauchens in Opernlibretti erforscht. So weit, so gut. Aber die Freude an dieser Szenen- und Arien-Sammlung ist dennoch nicht ungetrübt: Zwar verfügt Isabel Bayrakdarian prinzipiell über eine kraftvolle, angenehm timbrierte und bewegliche Sopranstimme. Allerdings häufen sich bei längerem Lauschen auch gewisse Merkwürdigkeiten: Isabel Bayrakdarian neigt zu stilfremden Portamenti, bei denen sie durchaus nicht immer ganz auf der Zieltonhöhe ankommt, was Intonationstrübungen mit sich bringt. Auch gerät ihr Zugriff auf das Brustregister gelegentlich ein wenig rustikal. Irritierend ist indes, dass die benannten Probleme nicht durchgehend auftauchen: Für Hasses Arie „Strappami pure il seno“ etwa findet Bayrakdarian insgesamt eine hellere, schlankere Stimmgebung, mit der sie deutlich leichtgewichtiger durch die Kantilenen steuert. Es bleibt am Ende, trotz interessanten Repertoires und guten Ansätzen, ein zwiespältiger Eindruck zurück.

Michael Wersin, 18.04.2020



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