Responsive image
Samuil Feinberg

Klaviersonaten Nr. 1–6

Marc-André Hamelin

Hyperion/Note 1 CDA68233
(75 Min., 12/2018)

Marc-André Hamelin mag es, wenn er alle Hände voll tun hat. So legt er nach all den Hommagen an solche Sonderlinge wie Charles Valentin Alkan und Nikolai Kapustin wieder einmal ein Album vor, bei dem man Hamelins Kondition angesichts all der neuerlichen manuellen Grenzerfahrungen nur bestaunen kann. Und davon gibt es in den sechs Klaviersonaten von Samuil Feinberg nun wirklich reichlich. Immerhin stammte der 1890 in Odessa geborene und 1962 in Moskau verstorbene Russe aus der großen Virtuosenschule seiner Heimat (er studierte bei Alexander Goldenweiser). Und dennoch: Obwohl sich nun bisweilen riesige Akkordberge auftürmen und sie sich mit ohrenklingelndem Fortissimo aneinander reiben, ist auch das nicht einfach billige Effekthascherei, sondern integraler Bestandteil einer Klangsprache, die quasi zwei russische Klavierschulen in sich vereint. Zum einen ist der Einfluss Alexander Skrjabins mit seinen fiebrigen, nervösen und schillernden Tongebilden unüberhörbar. Zugleich flammt immer wieder jene Mischung aus motorischem Futurismus und wühlendem Bruitismus auf, mit der Feinbergs nahezu gleichaltriger Kollege Sergei Prokofjew für Aufsehen sorgte. Dass Feinbergs Musikantenherz aber auch heftig für Bach schlug, spiegelt sich im knapp 15-minütigen „Allegro appassionato“-Satz der 3. Sonate wider, in der nach ausgiebiger, dämonisch düsterer Tastenwühlerei plötzlich ein knackiger Kontrapunkt aufblitzt. Auch solche Zäsuren spielt Hamelin erwartungsgemäß mit einer geradezu atemberaubenden Lässigkeit. Was sich darüber hinaus bei Feinberg oftmals im Hintergrund noch so tut, entgeht einem dank Hamelin dabei auch nicht. Wie in der 4. Klaviersonate, in die der Schlingel Feinberg scheinbar einen kleinen Strauß-Walzer eingeschmuggelt hat. Hoffentlich legt Hamelin bald mit einer zweiten Feinberg-Folge nach – den restlichen sechs Klaviersonaten.

Guido Fischer, 18.04.2020



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Es generierte durchaus Schlagzeilen, als der Musikwissenschaftler Timo Juoko Herrmann vor gut vier Jahren eine bisher unentdeckte, womöglich gemeinschaftlich entstandene Komposition von Wolfgang Amadeus Mozart, Antonio Salieri und einem gewissen Cornetti im Prager Nationalmuseum wiederentdeckte – es handelte sich um die Kantate zur Genesung der Sängerin Nancy Storace „Per la ricuperata salute di Ofelia“ KV 477a auf ein Libretto von Lorenzo da Ponte. Dass sie ausgerechnet Timo Juoko […] mehr »


Top