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N° 1291
04. - 10.02.2023

nächste Aktualisierung
am 11.02.2023



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Johann Sebastian Bach

Cembalokonzerte

Francesco Corti, Il pomo d’oro

Pentatone/Naxos PTC5186837
(64 Min., 5/2019)

Dass Barockmusik etwas mit Rhetorik zu tun hat, ist kein Geheimnis. Wie aber bringt man Musik zum Sprechen? Die Komponisten der Zeit, das haben Musikwissenschaftler und dann auch historisierende Aufführungspraktiker lange Zeit betont, haben wohl „rhetorische Figuren“ im Hinterkopf gehabt, die teilweise den antiken Redelehren abgewonnen wurden. Hierbei geht es aber vor allem darum, wie der musikalische Satz im Zusammenhang mit einem vertonten Text gewissermaßen analog zur tatsächlich erklingenden Sprache selbst auch zum Reden gebracht werden kann. Wie oder was spricht aber die Musik, wenn es keinen Text gibt, weil es sich um ein rein instrumentales Stück handelt? Wir hören ja durchaus, dass die Motivik und Harmonik der barocken Instrumentalmusik derjenigen der Vokalmusik sehr verwandt sind, aber freilich kann etwa ein Cembalokonzert von Bach keine konkrete Aussage machen, denn es führt keinen Text mit sich. Dennoch „spricht“ diese Musik in einer inhaltlich eben nicht konkreten, gleichwohl aber sehr eindringlichen Weise zu uns. Dieses „Sprechen“ erfahrbar zu machen ist Sache eines guten Interpreten und Ensembleleiters sowie seiner gleichgesinnten Mitstreiter.
Der Cembalist und Dirigent Francesco Corti hat offensichtlich ein sehr intimes Verhältnis zur barocken Ton-Sprache, sein Cembalo-Spiel ist von beachtlicher Eloquenz geprägt. Mangels dynamischer Möglichkeiten am Cembalo sind es kleine oder kleinste agogische und artikulatorische Nuancen, die den Solopart der hier eingespielten Concerti auf Basis der komponierten Substanz zur fesselnden Erzählung werden lassen. Vergleiche zum Sprechakt bieten sich an: Die feinen Abstufungen zwischen Legato und non Legato, die die Abfolge der Töne einer Linie regeln, kann man in Analogie zur Abfolge von Vokalen und Konsonanten bzw. aus diesen gebildeten Silben bringen. Feinste agogische Effekte, wie sie besonders effektvoll in den Soloparts der langsamen Sätze zur Anwendung gelangen, kann man in Beziehung setzen zu sensiblen Modifikationen des Sprechtempos in einer Rede. All dies geht dem Rezensenten durch den Kopf, wenn er gebannt Francesco Cortis interpretatorischen Künsten lauscht. Und dennoch: So viel man über Parallelen zwischen Sprache und Musik philosophieren kann, so einleuchtend und hilfreich diese Überlegungen auch sind, so fundamental sind doch auch die Unterschiede zwischen den beiden Ausdrucksformen: Wenn nach einem langsamen Satz wieder die schiere ungezügelte Virtuosität sich Bahn bricht, wenn die famosen Streicher des Ensembles Il pomo d’oro mit ihrem großartigen Leiter und Solisten Corti Tempo aufnehmen und in wilder Jagd – aber immer mit höchster Präzision! – durch Bachs einzigartige Partituren fegen, dann gewinnt die schiere Freude an einer Form von Wohlklang- und Harmonie-generierender Virtuosität die Oberhand, die uns das gesprochene Wort so emotionsgeladen niemals vermitteln könnte. Die Musik braucht in diesem Fall keinen Text, um zu sprechen: Sie sagt ohne Worte unendlich vieles über ihren Schöpfer Bach aus, und dieser würde, darauf angesprochen, zweifellos bescheiden zur Seite treten und bekunden, dass sein Komponieren nur ein Handwerk im Dienste jenes Allerhöchsten ist, der alles – Bach und die Musik als solche inklusive – gemacht hat.

Michael Wersin, 11.04.2020



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