Mit seiner epischen Einrichtung und Nachdichtung des Passionsgeschehens war dem Hamburger Ratsherren Barthold Hinrich Brockes zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein äußerst gefragtes Textbuch aus der Feder geflossen. Sage und schreibe über 30 Komponisten sollten es vertonen – darunter auch Größen wie Georg Philipp Telemann, Reinhard Keiser, Georg Friedrich Händel und vereinzelte Teile daraus wurden sogar von Johann Sebastian Bach in Musik gesetzt. Die Händelsche „Brockes-Passion“ wurde im April 1719 in Hamburg uraufgeführt – wobei die Aufführung ganz in der Tradition der Hamburger Passionsoratorien nicht während eines Gottesdienstes stattfand, sondern im Rahmen eines Konzerts. Über 40 Arien, 18 Chorsätze sowie ein Erzähler mit zum Teil harmonisch gewagten Rezitativen berichten da vom Leidensweg Jesu in einer ungemein kontrastreichen, nicht selten äußerst bildhaften Klangsprache, die sich Händels Erfahrung als Opernkomponist verdankt.
So musikalisch reich seine „Brockes-Passion“ ausgefallen ist, so verblüffend zurückhaltend war das Interesse des Tonträgermarkts lange daran. Gerade einmal vier Einspielungen gab es bisher. Jetzt sind nicht nur gleich zwei Neueinspielungen parallel herauskommen; im Laufe des Jahres stehen auch weitere Aufnahmen mit unter anderem Jonathan Cohens Ensemble Arcangelo ins Haus. Die Messlatte für die zukünftigen Aufnahmen haben aber die zwei, von Lars Ulrik Mortensen sowie Richard Egarr dirigierten „Brockes-Passionen“ nun ganz schön hochgelegt.
Unterschiedliche Quellenlagen hat man dafür genutzt. Während die „dänische“ Produktion auf der Hallischen Händel-Ausgabe basiert, präsentieren die englischen Alte-Musik-Spezialisten nicht allein eine Weltersteinspielung der vollständigen Fassung mit zahlreichen neuen Sätzen, die sich im Vergleich unterschiedlicher Partiturüberlieferungen finden ließen. Abgerundet wird diese musikphilologische Trüffelarbeit von den ebenfalls erstmals aufgenommenen englischen Textfassungen des Händel-Mitarbeiters Charles Jennens. Dass beide auf die historisch informierte Aufführungspraxis abonnierten Teams bei aller transparenten Durchleuchtung des Klanggewebes sich zugleich auch auf die innere Bewegtheit verstehen, den feierlich-ruhevollen Ton genauso anschlagen wie den beklemmend schicksalhaften, ist wenig überraschend. Und beide Solisten-Ensembles sowie die Chöre lassen nichts zu wünschen übrig, was Diktion und Prägnanz angeht. Doch während das Concerto Copenhagen unter Lars Ulrik Mortensen die „Brockes-Passion“ bisweilen mit einer Eleganz angeht, die an die französische Hege und Pflege der Barockmusik erinnert, steht die Academy of Ancient Music einmal mehr für feinste englische Aufführungskultur.

Guido Fischer, 11.04.2020




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